Gerstenberg, Kurt
Deutsche Sondergotik: eine Untersuchung über das Wesen der deutschen Baukunst im späten Mittelalter — München: Delphin-Verl., 1913

Page: 138
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Angeblich sind die Emporen der Wolfgangskirche erst in den
Iahren )53b—37 errichtet. Sie werden zugleich mit dem sachlichen
Ernst der Kirche gern für den Protestantismus in Anspruch ge-
nommen. (Vergl. Haenel a. a. O., S. 72.) Doch beweisen die ein-
gezogenen Strebepfeiler wie auch die zweigeschossige Fensteranord-
nung, von denen die unteren im Vorhangbogen schließen, daß
Emporen von vornherein geplant waren. Die Emporen der Seiten
ruhen auf den in ihren unteren Teilen ins Innere verlegten Strebe-
pfeilern, bei den Emporen des Chors sind die wände der fünf
Chorstrebepfeiler durchbrochen, um einen freien Durchgang zu schaffen.
Hier muß man den Blick zurücklenken auf St. Martin in Am-
berg. Die Uebereinstimmung im Aufriß, bei dem die ringsumge-
führte Empore Schichtung der Fenster in zwei Reihen übereinander
bedingt, ist zu groß, als daß man ohne den Gedanken unmittelbarer
Verbindung auskäme: der Schneeberger Baumeister muß St. Martin
gekannt haben. Trotzdem gibt sein Bau einen völlig anderen Raum-
eindruck, da bei Ausschaltung aller Tiefenbewegung in dem um drei
Joche kürzeren Raum die kubische Einheit der Schiffe wie nirgendwo
mit geradezu elementarer Wucht durchschlägt.
Die auf die Raumvereinheitlichung gehende Tendenz der reifen
Sondergotik fand dann ihre Grundidee schon allein in der Halle
der drei Schiffe verwirklicht und verzichtete überhaupt auf die Aus-
bildung einer Chorpartie. Schon der Neubau der Marienkirche in
Freiberg ^454—)5o; schließt den Chor als Fürstengruft vom Lang-
haus ab. Den rechteckigen Raum von sechs Ioch Länge durchziehen
die Reihen der Pfeiler, die so schlank sein können, weil die gleich
breiten Schiffe den seitlichen Druck der zierlichen Netzgewölbe paraly-
sieren. Als Gegengewicht ihrer Vertikalerstreckung dienen die hier
zuerst seitlich hoch umlaufenen Emporen zwischen den nach innen
gezogenen Strebepfeilern (vergl. (Quer- und Längsschnitt bei Wiede-
king, Bürgerliche Baukunde etc. )S27 II. I. 57).
Und ebenso charakteristisch ist es, daß man in Halle a. S. bei
der Marktkirche glaubte, es bedürfe nicht eines besonderen Chors.
Die Einheit des Raums wird hier dadurch bewirkt, daß der
Bau zwischen zwei Turmpaaren aufgesührt wurde, die ursprüng-
lich zu zwei dicht hintereinanderliegenden Kirchen gehörten. Hieraus
erklärt sich, daß dieser Spätbau von )529-54 eine Folge von
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