Gerstenberg, Kurt
Deutsche Sondergotik: eine Untersuchung über das Wesen der deutschen Baukunst im späten Mittelalter — München: Delphin-Verl., 1913

Seite: 140
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bildung der Sondergotik verwandelt auch hier das Bewegungs-
erlebnis in die gestillte optische Aufnahme der Bildmäßigkeit. Die
gleich hohen Schiffe der Hallenkirche rechtfertigen die Verbreiterung
der ganzen Stirnseite. Der Vereinheitlichung des Raumes entspricht
dies eine Rechteck. Am Fuß des Giebels über dem rechteckigen
Unterbau wird eine Horizontale gezogen. Das GLebeldreieck darüber
wird angefüllt mit dekorativen Blendbogen oder Arkaturen und
tritt in malerischen Gegensatz zu den leeren glatten Flächen des
Unterbaues. „Schaugiebel" nannte man diesen Typus turmloser
Stirnseiten. Im Vitruvius Teutsch von Walter Rivius ist das
Wort überliefert, das zweifellos in der Zeit der Sondergotik ge-
prägt wurde, da es überaus anschaulich das Charakteristische dieser
Ansichtsseite bezeichnet. Denn im Giebel liegen tatsächlich die
interessantesten Partien, wie im Inneren die figurierten Gewölbe,
beansprucht hier die vielteilige malerisch bewegte Dekoration der
Giebelfläche die meiste Aufmerksamkeit, so daß man sagen könnte,
es sei das System der Akzentverteilung im Innenraum am Schau-
giebel auf die Fläche projiziert worden. Bei diesem Schaugiebel-
typ sind die gotischen Proportionen verschwunden und nahezu ins
Gegenteil umgekehrt. Anstatt der schmalen Hochproportionen werden
durch die horizontale Absetzung des Giebels vom Unterbau breite
lastende Proportionen gewonnen. Die Strebepfeiler, anfangs noch
hochschnellcnd bis zur Dachschräge, sinken mehr und mehr herab.
Der Giebel steht breit, da er drei Schiffe fassen muß. Doch sind
seine Maße nicht einer willkürlichen Annahme überlassen. Das
gleichseitige Dreieck, der Triangel, ist die häufigste Form. In allen
anderen Fällen ist der Winkel an der Spitze des Dreiecks größer
als öo o. Für diese Aufrisse gaben die Bauhütten augenscheinlich
bestimmte Anweisungen, die Allgemeingut der Baumeister gewesen
sein dürften.
Der Schaugiebel der Heiligkreuzkirche in Schwäbisch-Gmünd ist
der erste Vertreter einer bildmäßig erfaßten Schauseite in der
Sondergotik und datiert um zsso.
Ein horizontal abgetrennter Giebel und eine senkrecht drei-
geteilte Rechteckfläche darunter: das ist der erste Eindruck. Die
Proportionen stehen in harmonischem Verhältnis. Die Giebelform
ist ein gleichseitiges Dreieck. Trägt man von der horizontalen
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