Gerstenberg, Kurt
Deutsche Sondergotik: eine Untersuchung über das Wesen der deutschen Baukunst im späten Mittelalter — München: Delphin-Verl., 1913

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von Gelenken interpretiert werden sollen. Die starken Richtungs-
kontraste aber, die sich im Schaugiebel herausgebildet hatten, waren
etwas, was auch die Renaissance in Deutschland nicht entbehren
mochte, da sie sich hier von vorn herein barockmäßig gab. Schau-
seiten der Renaissancekirchen wie Liebenstein in Württemberg zsgo
(Fritsch, Denkmäler deutscher Renaissance, Lieferung X, Tafel ))
sind dann unmittelbare Vorstufen für die Lirchen des Barocks,
etwa die Ronradskirche in Konstanz )ö04—zöos (Vergl. Braun, Die
Kirchenbauten der deutschen Jesuiten jtzoz II Tafel r).
Die das Dreieck abtrennende Horizontale ist hier nicht mehr das
Hauptgesims, sondern sie wird durchschnitten von den Fenstern.
Erst darüber, in die GLebelfläche hinaufgetrieben von dem wieder
sich regenden Vertikaldrang, sitzt das stärkste Gesims. Schließlich
kann man auch die Bückeburger Hofkirche von noch an¬
schließen. Das heißt nichts anderes, wie daß sich der Gedanke des
deutschen Schaugiebels ungeachtet aller Wandlungen in den Form-
systemen durch die Jahrhunderte erhält.
Kapitel III: Die Außenansicht
Die Raumform der Hallenkirche bedeutet für die Außenansicht
einen völligen Fortfall des linearen Kräftespiels der Gotik, wie
es sich im Strebewerk markierte. Statt dessen geht die Absicht
auf Massenwirkung. Gegenüber dem Ansichtsreichtum im Raum
größte Schlichtheit der Erscheinung. Da die Strebepfeiler ins
Innere gezogen werden, bringen nur die Fenster Abwechselung in
die ungegliederte Fläche. Ein ungeheures Holzgerüst wird über
den Mauern Hochgetrieben und zu einem einheitlichen, die drei
Schiffe umspannenden Dach eingedeckt. Die Wucht des breit ge-
lagerten Unterbaues wird noch übertönt von dem riesenhaften
Dach. Man hat gerade an den großen Dächern Anstoß genommen,
und in der Tat geben sie über die innere Gliederung keinerlei Auf-
klärung. Allein man wollte dies auch gar nicht. Ein solcher An-
blick dürfte nicht störend empfunden worden sein, da die Verun-
deutlichung bestimmter Abgrenzungen ebenso wie die Verschleierung
des konstruktiven Apparates zum Wesen dieses Stiles gehörte.
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