Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 4.1882

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PÜBLICATIOIE

DAS PASSIONSBILD IM DOM ZU GRAZ.

Zeichnung von Max Pirner.


[AS Passionsbild im Grazer Dom war zweifellos das Mittelstück eines Altarwerkes, von dessen Flügeln
nichts bekannt ist: es ist auf Goldgrund und auf dem einst sehr beliebten Kastanienholz gemalt, und
hat eine Hohe von 274 Meter bei einer Breite von 2-69 Meter. Es zeigt uns oben in halber Lebens-
grösse Christus am Kreuz mit den beiden Schachern; da die untere Hälfte des Bildes ngurenreich ist,
so heben sseh die oberen drei Figuren aus dem Goldgrunde mächtig heraus. Ich weiss mich keines Bildes deutseher
Schule aus der Mitte des 15. Jahrhunderts zu erinnern, wo eine solche Vollendung und ein derart ungewöhnlicher
Schönheitssinn in der Behandlung der nackten Körperform erreicht wäre, als auf diesem Gemälde. Der untere Theil
schildert den Vorgang nach der Kreuzigung. Eine zahlreiche Volksmenge hat sseh zu Pferde und zu Fuss ver-
sammelt Die römischen Vertreter des Gesetzes sind in den Rüstungen und Wafsen, wie sie in der zweiten Hälfte
des 15. Jahrhunderts üblich waren, dargestellt. Im Hintergrunde zählt man mehr als dreissig Kopfe von Bewaffneten,
Schriftgelehrten, Pharisäern, Juden und Landleuten, deren Physsognomien mit voller Deutlichkeit gemalt sind. Im
Vordergrunde sind es namentlich vier Gruppen, welche unsere Aufmerksamkeit auf sseh ziehen. Seitwärts vom
Kreuzesstamm, an welchen der Schacher zur Rechten des Erlosers genagelt ist, eine vornehme Frau, die offenbar
gesegneten Leibes ist und auf dem linken Arme einen nackten Knaben hält, der zutraulich seine Hand über den
Bart ihres Begleiters, osfenbar ihres Gemahls, streichen lässt. Der letztere erscheint in einem reich verzierten
Schuppenpanzer und wendet sein Haupt dem Kinde zu. Es ist sehr wahrschein'ich, dass die beiden Figuren Portrats
sind. Die nächste Gruppe zeigt die vier heiligen Frauen mit Johannes; alle fünf Köpfe dieser Gruppe sind von einem
goldenen, weissgeränderten Nimbus umgeben. Im Hintergründe der Frauengruppe befinden sseh vier Berittene,
unter denen der Centurio Longinus in voller Rüstung hervorragt. Die Haltung des Reiters und der Lanze deuten
darauf hin, dass Longinus gerade den Stich in die Seite des Heilands vollfuhrt hat Zur Linken von Longinus
befindet sich ein blinder Pharisäer mit weissem Bart, der seine Hand zum Schwur erhebt, neben ihm zu Pserd ein
Krieger, der eine rothe Standarte hält, auf welcher die Buchstaben S P Q R zu lesen sind. In der entsprechenden
Gruppe Berittener auf der linken Seite des Kreuzes erregen zwei Gestalten unsere Aufmerksamkeit. Vor allem der
kleine feilte Mann mit behaglichem Gesichtsausdruck, in hermelinverbramtem Mantel, der wohl den Oberpriester
darsteilen soll; dann der Mann in fremdartigem Costüm zu Pferd, welcher mit schmerzlichem Ausdruck und nach
Christus ausgestreckter Hand dem Oberpriester den Vorwurf zu machen scheint, dass er hier einen Unschuldigen
gerichtet habe. Unmittelbar am Fusse des Kreuzes kniet Maria Magdalena; es ist, als ob sie bitten würde, die Bluts-
tropfen auffangen zu dürfen, die von den Füssen des Heilands niederträufeln. Neben ihr steht ein Krieger, welcher
an einer langen Stange den mit Essig befeuchteten Schwamm in der Hand hält. Weiter im Vordergrunde sieht man
zwei Reiter, deren einer eine weisse Fahne halt, auf welcher die Jahreszahl 1457 zu lesen ist. Ganz im Vordergrunde
slehen zwei vornehm gekleidete Pagen, und ein Krieger in vergoldeter Rüstung. Neben demselben slehen zwei reich
gekleidete Pharisäer in phantastischem Costüm, mit hohnisch lachenden Mienen den Vorgängen zusehend. Eine ganz
merkwürdige Erscheinung ist der unmittelbar hinter den Pharisäern auftauchende jugendliche Reiter; die rechte
Hand hoch erhoben, galoppirt er gleichsam in die Menge, als wenn er ein Wunder zu verkünden hätte.
Beim Anblick des Gemäldes fällt sofort die auf der weissen Fahne befindliche Jahreszahl 1457 in die Augen.
Vielfach bestritten,1 hat es sseh bei genauer Untersuchung herausgestellt, dass diese Inschrift echt ist und dass die
Form des Fünfer, welcher manche Zweifel hervorrief, am Ende des 15. Jahrhunderts häufiger vorkommt als vermuthet
wird; das Datum 1457 stimmt auch mit den Jahreszahlen, welche sseh noch vielfach im Grazer Dom erhalten haben.
Bei genauem Forschen nach Künstler-Monogrammen auf dem Bilde habe ich mehrere Inschriften gefunden. Es sind
dabei jene, welche ursprünglich vorhanden waren, von den erst später beigesetzten, zu unterscheiden. Zu den ersteren
1 Ausführliches sindet sich über das Dombild in meinem Aussatz im „Repertorium für Kunstu-issenschaft" (18S2, S. 318—327)
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