Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 11.1888

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das Verhältniss dieser beiden Gemälde darf als abgeschlossen betrachtet werden, scitdem der jetzige
Direclor der Dresdener Galerie in seinem neuen Katalog der Sammlung (1887) sich offen zu der
Ansicht derer bekannt hat, die in dem Dresdener Bilde nur eine Schulwiederholung des Bildes in der
Galerie Liechtenstein sehen, während Waagen noch »eine Wiederholung von der Hand des Meisters«
darin erkennen wollte. Das Wiener Exemplar hat nicht nur »jene Frische, jene Unmittelbarkeit des
Gefühls voraus, welche von der Stimmung der ersten Auffassung abhängt, die sich selbst bei dem
grössten Künstler nur einmal einstellt« (Waagen): in dem Dresdener Bild fehlt auch jene Sicherheit
in der Wiedergabe der Formen, jene Meisterschaft der malerischcn Behandlung, welche sich auch in

einer nicht nach der
Natur ausgeführten
Wiederholung von
Rubens' eigenerHand
niemals verleugnen
würden; am wenig-
sten zu einer Zeit, in
der er auf der Höhe
seines künstlerischen
Vermögens stand.
Welche Meisterwerke
hat gerade Rubens
selbst aus seinen Co-
pien nach den Wer-
ken fremder Künstler
zu machen gewusst,
wie uns die Liechten-
stein-Sammlung auch
eine Reihe derselben
vor Augen führt!
Die hier gegebe-
ne Nachbildung des
Bildes ist eine geist-
reiche Skizze von der
Hand William Un-
ger's. Der Leuchtkraft


Knabenkopf. Hohschnitt von W. Hecht.

und dem Reichthum
der Farben des Origi-
nals kann freilich der
beste Stich, die beste
Radirung nur theil-
weise gerecht werden.
Auf dem klaren grau-
schwarzen Costüm
des älteren Knaben,
der, holz auf seine
Erfolge in der Latein-
schule, in der rechten
Hand ein Buch hält,
während erden linken
Arm wie sehützend
über die Schulter des
jüngerenBruderslegt,
treten die blaue Jacke
und die orangefarbe-
nen koketten Bänder
an der hellgrauen
Hose, an den weissen
Strümpfen und den
Schuhen dieses jün-
geren Knaben in ihrer
Farbenpracht beson-

ders scharf hervor. Die Farben sind in grosser Reinheit breit und flüssig aufgetragen und dadurch
von emailartiger Wirkung; im Kopf des älteren Knaben sind sie stark vertrieben, in dem des jüngeren
breit und fast unvermittelt nebeneinandergesetzt. Die Frische und Heiterkeit der Jugend ist diesen
beiden Knabengestalten in unübertroffener Weise aufgeprägt: bei dem älteren verbindet sich dieselbe
schon mit einem Gefühl für den Ernst des Lebens, zu dem ihn die Studien heranbilden süllen; bei
dem jüngeren trägt sie volle Sorglosigkeit in dem kindlichen Spiel, dem er sich hingibt. Dieses Ver-
hältniss ist auch in der Gruppirung der beiden Figuren in so treffender und zugleich so reizvoller
Weise zum Ausdruck gebracht, wie dies selbst ein Meister der Compolition wie Rubens nur in wenigen
Bildern in gleichem Masse gclöst hat. Dies ist um so bewunderungswerther, als nach der Art, wie
das Bild aus Brettern zusammengestückt ist, sich ergibt, dass der Künstler die Bildnisse zuerst als
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