Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 11.1888

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Bildnisse.
Nr. 87. Bildniss eines vornehmen Mannes (Jan Vermoelen). Bezeichnet AETAT.
SVAE. 27. A". 1616. Holz. Höhe 1-27, Breite 0-97. — Radirung von W. Hecht.
Nr. 114. Die Söhne des Rubens. Holz. Höhe 1-50, Breite 092 — Radirung von W. Unger.
Nr. 105. Knabenkopf. Holz. Höhe 0-37, Breite 0-27. — Holzschnitt von W. Hecht.
Nr. 113. Kopf eines Mannes. Holz. Höhe 0-66, Breite 057. — Holzschnitt von W. Hecht.
s pflegt als eine unbestreitbare Wahrheit hingestellt zu werden, dass Rubens einer
der grössten Bildnissmalcr gewesen sei. Auch zu Zeiten, wo man die Bedeutung
des Künstlers nicht völlig zu würdigen verstand, hat man ihn doch als Bildniss-
maler anerkannt; und von Kunstfreunden, welchen Rubens in seinen Compositionen
meilt widerstrebt, werden wenigstens seine Bildnisse bedingungslos bewundert.
»Seiner ganzen Richtung gemäss« — so sagt Waagen in seinem »Handbuch der niederländischen
Malerschulen« — »musste Rubens ein vortrefslicher Bildnissmaler sein.« sch glaube, man kommt
der Wahrheit schr viel näher, wenn man gerade die entgegengesetzte Behauptung ausstellt.
Seine »ganze Richtung«, der eigenthümliche Stil des Künstlers beeinträchtigte die Naivetät und
Einfachheit der Anschauung, welche die erste Bedingung für einen Bildnissmaler sind. Rubens hat
mit der Antike darin etwas Genieinsames, dass er den Menschen mehr in seiner Allgemeinheit und
in seiner Gesammterscheinung auffasst und daher gewisse Eigenthümlichkeiten zu stark betont und
selbst übertreibt, während er die kleineren Zufälligkeiten, namentlich im Gesicht, deren Summe die
Individualität ausmachen, unwillkürlich mehr oder weniger vernachlässigt. Es wird uns nicht seiten
begegnen, dass wir bei den Bildnisfen bekannter Persönlichkeitcn von Rubens' Hand schwanken, ob
dieselben wirklich in dem betreffenden Gemälde dargestellt sind oder nicht. Dcsshalb werden auch in
manchen Galerien, die zahlreiche Gemälde von Rubens besitzen, die Bildnisse verhältnissmässig am
wenigsten beachtet oder ziehen doch die Aufmerksamkeit nicht durch ihre Individualität auf sich.
Ich nenne die Galeric des Louvre, das Mauritshuis im Haag, die National-Gallery in London. Aber in
der National-Gallery ist doch der berühmte »Chapeau de paille«, wird man mir einwerfen. Freilich;
doch vorausgesetzt, dass das Bild wirklich dem Rufe entspricht, welchen es geniesst, so verdient es
denselben wahrlich nicht wegen der Bildnissähnlichkeit. Diese riesig grossen Mandelaugen, der weite
Abstand derselben, die gerade Nase, die stark geschwungenc Linie des Mundes, das gewählte Oval
des Kopfes sind so übertrieben, sind so allgemein, dass wir vor dem Bilde kaum an eine bestimmte
Persönlichkeit denken werden. Um so frischer und anziehender wirkt aber dieses Bild und wirken
zahlreiche ähnliche Bildnisse junger Mädchen und Frauen durch die unübertroffene Wiedergabe
jungfräulicher Schönheit und weiblicher Reize als solchcr, durch die einzige Verbindung unver-
wüstlicher Lebensfrische und Lebensfülle mit kindlicher Heiterkeit und unbewusster Züchtigkeit.
Von gleichem bezaubernden Reiz sind fast alle Rubens'schen Bildnisse von Kindern, da ja im Kinde
die Individualität noch mehr oder weniger versteckt ist und hinter unbestimmten Formen und der
allgemeinen Erscheinung zurücktritt; desshalb sind Kinder von keinem Künstler so wahr und
lebensvoll, so naiv und entzückend zur Darstcllung gebracht worden wie von Rubens.
Die Licchtenstein-Galcrie bietet Gelegenheit, Rubens als Bildnissmaler fast nach allen diesen
Richtungen in vortheilhaftester Weise kennen zu lernen.
Weltbekannt ist das Bild der beiden Söhne des Malers; freilich mehr aus der Wiederholung
in der Dresdener Galerie, als aus dem Original der LiechtenstcinTchen Sammlung. Der Streit über
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