Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 18.1895

Page: 109
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/gk1895/0154
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Die sranzösische Schule.


^ISSERHALB Frankreichs und Englands sind die Gemälde der älteren französischen
Meister seiten; nur die Privatsammlung des deutsehen Kaisers und die Galerie der
Eremitage zu St. Petersburg können die eine für das vorige Jahrhundert, die
andere namentlich für das siebzehnte Jahrhundert selbst mit der Galerie des Louvre
coneurriren, und überragen sie sogar für einzelne Meister. Die Liechtenstein-Galerie
hat nur eine kleine Zahl französischer Bilder aufzuweisen, aber gerade von leitenden Meistern der
verschiedenen Epochen; von dielen besitzt sie gute und selbst hervorragende Bilder.
Über die Anfänge der französischen Tafelmalerei sind wir weniger unterrichtet, wie über die
irgend einer anderen Schule. Die Stürme der grossen Revolution haben so gründlich aufgeräumt
mit den Kunstwerken dieser Zeit, dass im fünfzehnten Jahrhundert falf nur der Eine Meister Jehan
Foucquet noch durch einzelne beglaubigte Werke mehr als ein blosser Name für uns ist; ja selbst im
sechzehnten Jahrhundert ist uns über den grössten Meister dieser Zeit, Francois Clouet, so wenig
Sicheres überliefert, dass die Verwaltung des Louvre die ihm bisher zugeschriebenen Werke neuer-
dings nur als »Art des Clouet« zu bezeichnen wagt. Für die verschiedenen Künstler, die sich hinter
dem Collectivnamen Clouet verstecken, sind wir nicht einmal im Klaren, ob dieselben sämmtlich
Franzosen oder vielmehr nach Paris übergesiedelte Niederländer waren. Ein paar kleine, wenig
bedeutende männliche Bildnisse der Liechtenstein-Galerie (Nr. 708 und 709) gehören dieser Richtung
an, die französische Eigenthümlichkeiten mit niederländischer Eigenart verbinden. Ein vermuthungs-
weise dem Clouet zugeschriebenes Frauenbildniss (Nr. 715) hat dagegen weder mit Clouet noch
mit der französischen Schule etwas zu thun; ich werde es später unter den niederländischen Bildern
näher besprechen.
Sind diele Bildnisse aus der Richtung Clouets und Janets nicht bedeutend, so besitzt die
Sammlung dafür in einem dem Foucquet zugeschriebenen »Männlichen Bildniss« (Nr. 729) ein
Meisterwerk der französischen Malerei des fünfzehnten Jahrhunderts, wie selbst der Louvre keines
aufzuweisen hat. Foucquet ist uns als Miniaturmaler genauer bekannt; das beglaubigte Gebetbuch,für
seinen Gönner Etienne Chevalier, Finanzminister unter Karl YIL angefertigt, welches vor wenigen
Jahren von der Familie Brentano in Frankfurt an den Duc d'Aumale verkauft wurde, lässt noch
einige andere Miniaturwerke in Paris und München als Arbeiten von Foucquet erkennen. Als
Tafelmaler ist er mit Sicherheit nur aus dem Diptychon, welches er für denselben Gönner malte, zu
beurtheilen: die Madonna ist jetzt in der Galerie zu Antwerpen, der Stifter mit seinem Namens-
heiligen Stephan ist noch im Belitz der Familie Brentano zu Frankfurt. In dem Marienbild stört
eine eigenthümliche Härte und Glätte der Farbe, ein Haften an der Natur selbst mit den störenden
loading ...