Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Hrsg.]
Die Graphischen Künste — 42.1919

Seite: 18
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KARL STERRER.

1911 erschien bei Eugen Diederichs in Jena eine Broschüre, betitelt »Ein Protest deutscher
Künstler«, und noch im selben Jahre gaben R. Piper & Co. in München »Die Antwort« auf diesen
Protest heraus. Liest man die beiden Hefte heute, da einen sieben Jahre und der Weltkrieg von
den Verhältnissen und Stimmungen, aus denen heraus sie damals entstanden sind, trennen, wieder
durch, so erscheint einem ihr Inhalt immerhin in etwas anderem Licht. Gleichgeblieben ist das
unerquickliche Gefühl, das wohl jede Polemik in dem dem Streit Zusehenden dann auslöst, wenn
er nicht mit ganzem Herzen für einen der Gegner Partei ergreifen kann. In beiden Lagern leuchten
Sterne der deutschen Kunst, aber es machen sich auch hier wie dort verdächtige kleine Leute
breit, die sich offenbar auf Kosten von größeren bereichern oder Gesinnung für Können ein-
schmuggeln wollen. Verehrte Künstler, deren Meinung man gerne vernommen hätte, halten sich
stillschweigend abseits, dafür steht manchmal unter einer nichtssagenden Äußerung ein klang-
voller Name. Ein bißchen mutet das Ganze wie ein Ausfluß der alten Rivalität zwischen Berlin und
München an. Wird man von der einen Seite zuweilen unangenehm an Werdandibund und der-
gleichen gemahnt, so taucht auf der anderen wieder Berlin W. mit allem, was drum und dran
hängt, nichts weniger als anziehend auf. Oft fühlt man sich veranlaßt, beiden Teilen aus voller
Oberzeugung rechtzugeben, ebenso oft aber ergeht es einem wie der Königin in Heines Romanze,
deren drastisches Urteil über den Disput von Mönch und Rabbi bekannt genug ist.

Zweifellos besitzt das deutsche Volk wie kein anderes die Fähigkeit, sich erstaunlich tief in
eine fremde Kultur einzuleben. Als verhängnisvolles Gegenspiel zu dieser seltenen und köstlichen
Gabe ward ihm aber die leidige Eigenschaft zuteil, ausländische Art bis zum Ekel überschätzen
und nachäffen zu können. Dieser Hang ist unstreitig während des letzten Jahrzehnts fremden,
namentlich französischen Künstlern gegenüber recht unerfreulich zutage getreten. Daran tragen
Künstler, Schriftsteller, Händler und Käufer (sowohl Privatleute als auch öffentliche Sammlungen)
zu gleichen Teilen schuld. Daß auf diese zugleich lächerliche und betrübliche Tatsache der »Protest«
den Finger zu legen gewagt, daß er die Deutschen ermahnt hat, sich auf ihre Eigenart zu besinnen,
über die Kunst des Auslands die deutsche nicht zu vergessen, das ist — wie man heute klarer
als im Jahre 1911 erkennt — ein entschiedenes Verdienst. Denn gerade heute, da, wessen Mutter-
sprache deutsch ist, mit Entsetzen merkt, wie unverstanden, wie vereinsamt Deutschland dasteht,
wie ihm auf der großen, weiten Erde fast kein einziger Freund lebt, und da der Deutsche ergriffen
die Größe seines Volkes bewundert, das so heldenhaft dem Ansturm der ganzen übrigen Welt
standzuhalten vermag, — gerade heute müßte es für ihn, um schon nicht von »heiliger Pflicht«

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