Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 5.1940

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ENGELBERT BAUMEISTER / NEU BESTIMMTE ITALIENISCHE
MEISTERZEICHNUNGEN IN DER GRAPHISCHEN SAMMLUNG

IN MÜNCHEN

In der Graphischen Sammlung in München konnte in die Abteilung der italienischen Zeich-
nungen in den letzten Jahren eine größere Anzahl von Blättern eingereiht werden, die bisher
unerkannt unter ausgeschiedenen minderwertigen Zeichnungen begraben lagen. Von diesen
kostenlosen „Neuerwerbungen" möchte ich hier in bunter Folge einige Stücke bekannt geben,
die sich mit Sicherheit bedeutenderen Meistern zuweisen lassen.

Girolamo Romanino (1484, 87—1562): Urteil Salomos (Abb. 1).

Von späterer Hand auf der Rückseite bezeichnet: del Romanin, auf der Vorderseite: Ro-
manin (?). — Pinselzeichnung in Bister über Kreidevorzeichnung. 276X246 mm. — Wasser-
zeichen: Vogel im Kreis (vgl. Briquet 12210). Alte Inv.-Nr. 3756, neue Inv.-Nr. 1934: 140. -
Herkunft: Mannheimer Sammlung. Von G. Dillis ohne Angabe eines Meisters inventarisiert.

Aus der Zeichnung spricht klar die temperamentvoll-urwüchsige Gestaltungskraft Girolamo
Romaninos. Salomo hat soeben das Urteil verkündet. Schon greift der Henker nach dem
zappelnden Kind, das ein behender Jüngling mit Federhut ihm zureicht. In heller Verzwei-
flung fleht die richtige Mutter kniend den hochthronenden Salomo an. Durch die Zuschauer
läuft eine Welle der Bewegung, und nur die falsche Mutter steht starr und kalt in wirkungs-
vollem Gegensatz zu den übrigen Menschen. Romaninos bäurisch-derbes Lebensgefühl kommt
zum Ausdruck in der massiven Gestalt Salomos, den üppigen rundschultrigen Frauen und
dem feisten kurzhalsigen Körper des toten Kindes. Als Stileigentümlichkeiten fallen auf: die
übergroßen Hände mit langen spitzen Fingern und die klecksig verschatteten Augen, Flüch-
tigkeiten, die besonders charakteristisch sind für die rasch hinfahrende Zeichenweise Roma-
ninos, die wohl mit seiner Tätigkeit als Freskomaler zusammenhängt.

Hierzu sind zu vergleichen die Zeichnungen: Maria zwischen Rochus und Sebastian, Flo-
renz, Uffizien1 und: Gesellschaft im Freien, Berlin, Kupferstichkabinett.2

Nach der freien schwungvollen Komposition zu schließen, gehört unsere Zeichnung schon
der reiferen Zeit des Meisters an. Sie ist von den wenigen Zeichnungen Romaninos, die sich
erhalten haben, wohl die lebendigste.

Giovanni da Bologna (1529—1608) (Abb. 2): Männlicher Akt mit Wassergefäß,
rechter Fuß wiederholt, Rückenakt (Halbfigur).

Studien für den Oceanus-Brunnen im Boboli-Garten in Florenz.3 — Kreide, blaues Papier,
Ecken abgeschnitten. 253X189 mm. — Wasserzeichen: Dreieck (Fragment). Alte Inv.-Nr.
9063, neue Inv.-Nr. 13468.

Die Hauptfigur ist ein Entwurf für den „Euphrat" am Oceanus-Brunnen, der 1576 voll-
endet wurde; ein Modell für den „Euphrat" besitzt das Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin.4

Bologna hat die Umrisse mit harten scharfen Strichen festgelegt und ergeht sich in starken
klaren Überschneidungen. Das linke Bein des Flußgottes ist soweit erhoben, daß die Fuß-
spitze fast bis zur Kopfhöhe reicht. Diese gewaltsame Spreizung ist auf dem Berliner Modell
durch Sanken des linken Beines beseitigt. Aber erst im ausgeführten Werk ist das Verkrampfte
und Geduckte der früheren Fassungen überwunden und durch Aufrichten des Oberkörpers

1 L. S. Olschki, I Disegni della R. Galleria degli Uffizi III, 1 Tf. 15, wohl ein erster Entwurf für das Gemälde:
Madonna zwischen hl. Sebastian und Bonaventura (der hier an Stelle des hl. Rochus getreten ist) im Dom zu Salö.

2 Zeichnungen alter Meister im Kupferstichkabinett zu Berlin (Grote 1910) I, Tf. 67.

3 A. Desjardins, La vie et l'oeuvre de Jean Bologne Tf. zwischen S. 92 u. 93.

4 A. E. Popp, Die Medici-Kapelle Michelangelos Abb. 74 b.

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