Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 5.1940

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GUSTAV KÜNSTLER / ANMERKUNGEN ZU EINIGEN ZEICHNUNGEN

HANS MAKARTS

Über Hans Makart als Zeichner ist erst eine einzige Studie erschienen.1 Sie erstrebt keines-
wegs eine vollständige Behandlung des Problems, sondern zieht aus der Betrachtung einiger
weniger bildmäßig ausgeführter Blätter weitgehende Schlüsse auf die Zeichenweise und die
Gestaltungsart. Das Urteil, daß jene uninteressant und ohne eigenen Wert sei, scheint in
seiner Ausschließlichkeit verfrüht — die folgenden Ausführungen werden es aber nicht über-
prüfen: dazu bedürfte es einer Untersuchung des ganzen erhaltenen, recht großen Bestandes
an Zeichnungen. Das Urteil über die Gestaltungsart entspringt gleichfalls weniger der Er-
kenntnis als der Intuition, ist jedoch von solch weittragender Bedeutung, daß es in seinem
Kerne wörtlich mitgeteilt sei: „Man kommt vor diesen Zeichnungen zur Überzeugung, daß
Makart sich der Natur nicht mit Erkennerfreude und Entdeckerlust nahte, sondern sein Stil-
empfinden den Modellen überzog, es gleichsam nur an ihnen exemplifizierte." Auch dieses
Urteil in seiner Ganzheit soll weiterhin nicht überprüft werden; hingegen mögen Anmer-
kungen über einige skizzenhafte Zeichnungen Makarts wenigstens einen engumrissenen Bezirk
seiner Gestaltungsart näher beleuchten und das allgemein gehaltene Urteil verdeutlichen.

Die Möglichkeit dazu gab die Durchsicht eines in Wiener Privatbesitz befindlichen Kon-
volutes von 250 Stücken; die Zeichnungen sind mit dem Nachlaßstempel versehen und stam-
men daher zweifellos von Makart. Sie befinden sich nicht in ihrem ursprünglichen Zustande,
sondern sind, oft recht störend, gleichmäßig auf weißen Kartons von 33: 50 cm Größe auf-
kaschiert. Die Ausmaße des gelblichen Pauspapiers, des eigentlichen Trägers der Zeichnungen,
schwanken; das von ihm bedeckte Bechteck in der Mitte der Kartons mißt durchschnittlich
etwa 21: 30 cm. Um das für die Adjustierung hübsche Verhältnis zwischen Kartonrand und
Zeichnungenfläche zu erreichen, wurden große Blätter vielfach am Papierrand beschnitten,
kleine sorgsam zur gewünschten Größe aneinandergeklebt, ja es gibt Kartons, bei denen sich
das Rechteck in der Mitte aus einem Vieleckmosaik aus verschiedenen Zeichnungen zusam-
mensetzt. Bei diesem Zusammenstückeln kommen selbstverständlich Skizzen nebeneinander
zu stehen, die ursprünglich nicht beisammen waren, und man müßte annehmen, daß eine
solche nur aus Platzgriinden erfolgte Unterbringung verwirrend wirkt. Hingegen unterschei-
den sich diese Mosaike aus Zeichnungen kaum wesentlich von der Art, wie ungestückelte
große Blätter mit Skizzen bedeckt sind. Die größtenteils sehr flüchtigen, fast ausschließlich
mit dem Bleistift ausgeführten Studien füllen sehr häufig das Papier in seiner ganzen Fläche,
wobei verschiedenartige auf ein Blatt kommen. Die mit kleinen Skizzen oft überladenen
Blätter zeigen meist Figuren und Figürchen, die in heftigen Bewegungen oder charakteristi-
schen Posen festgehalten sind. Bei den in verschiedenen Richtungen nebeneinander oder
übereinander hinweg gezeichneten Darstellungen fällt es manchmal schwer zu erkennen, in
welcher Lage sie eigentlich gedacht sind; denn es fehlt fast immer jegliche Angabe über das
statische Moment oder die umräumlichen Bedingnisse der betreffenden Stellungen, die aus
jedem Zusammenhang herausgelöst und optisch isoliert erscheinen.

Wie bereits erwähnt, überwiegen auf diesen Blättern weitaus Darstellungen der mensch-
lichen Gestalt, wenn gelegentlich auch Tierfiguren, Architektur- und Grundrißskizzen, Orna-
mente, antike Münzen und andere Gegenstände vorkommen. Die menschlichen Gestalten
scheinen kaum jemals nach lebendem Modell gezeichnet zu sein, so unnatürlich sind meistens
ihre Posen und so häufig lassen sie Anregungen durch Kunstwerke erkennen, etwa Werke

1 E. Heinrich Zimmermann, Zeichnungen von Romako und Makart; in: Die bildenden Künste. Wiener
Monatshefte. II. Wien 1919.

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