Glöckner, Karl [Editor]; Historische Kommission für den Volksstaat Hessen [Editor]
Codex Laureshamensis (Band 1): Einleitung, Regesten, Chronik — Darmstadt, 1929

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ihrem Kloster, endlich und nicht zuletzt an Abt Heinrich, Herrn von Aurich im Oberamt
Vaihingen, den die Lorscher in gleicher Not wie die Fuldaer auf König Konrads Rat
als Mönch des Klosters Sinsheim zum Abte erwählten, und dem sein Kloster den
gleichen Aufschwung verdankte, wie Fulda jenem Marquart. Abt Heinrich kannte

5 zweifellos die Sitte der aufstrebenden Klöster, durch Anlage von Traditionsbüchern
Ordnung in ihren zerfahrenen Besitz zu bringen. In seinem Geiste, wenn auch
erst nach seinem Tode, arbeiten die Schreiber des Cod. Laur. Den neuen Abt
Sighart ignorieren sie und wo sie seiner erwähnen oder auf ihn anspielen, bricht
überall Mißachtung und Haß gegen ihn hervor.1) Unmöglich hätten Mönche es wagen

10 können, ein Werk, das sie auf Befehl ihres Abtes ihm vorlegten, mit offenen und
versteckten Augriffen gegen ihn zu füllen, schwerlich konnte auch Sighart selbst
seinen erbitterten Feinden, den unbedingten Anhängern der alten Mönchspartei, den
Auftrag erteilen, eine Chronik oder ein Traditionsbuch des Klosters zu schreiben.2)

III. Die Schreiber.

Von alle den Schreibern, die am Codex mitgearbeitet haben, tritt nur der
ir> Chronist als lebendige Persönlichkeit uns entgegen; alle anderen sind von seinem
Muster abhängig, und da sie bloße Kopierarbeit geleistet haben, sind sie für uns von
geringerem Belang. Der Chronist, in der Tabelle mit Hand A bezeichnet, hat Abt
Heinrich nahe gestanden und ihn eher als Freund denn als Vorgesetzten betrachtet.
Die stattliche Gestalt des Abts, seine glänzenden Geistesgaben schildert er in leuch-
2o tenden Farben, Einzelheiten seiner Tätigkeit, die Grundsätze seiner Verwaltung, seine
Beziehungen zum Kaiser, seine letzte Krankheit und sein Tod stehen in lebendiger
Frische ihm vor Augen, von seinem Testament hat er die eingehendste Kenntnis
(K. 155, 164). Wie wenn der Tote noch unter den Lebenden weilte, nennt er ihn
dominus abbas.:!) Die persönlichen Erinnerungen des Chronisten aber reichen noch
weiter zurück. Sein Haß gegen die Feinde seiner Kirche, seine Befriedigung über
deren Unglück, das ihm sehr genau bekannt ist, trägt eine unmittelbar persönliche
Note: so sprach und klatschte der Chronist zu Abt Folknands Zeit mit seinen Brüdern
über ihre Bedränger (K. 155). Abt Folknand würdigt er mit Wärme, wie er nur einen
Bekannten beurteilen konnte, als «einen Mann, der bessere Zeiten verdient hätte».4)
3o Er weiß sich noch zu erinnern, daß die letzte Krankheit den Abt kurz nach der Uber-
bringung des römischen Privilegs befiel; ganz wie er es bei Abt Heinrich tat, be-
schreibt er genau seine Begräbnisstätte 5) und ihm allein widmet er ein Requiescat in
pace, amen. Auch sein Bericht von Adalbert, dem Diener Gottes und Mönch seligen
Andenkens,;), trägt den Stempel persönlichen Erlebnisses, zumal wenn man die magere

*) Wie anders jene geistlichen Schreiber, die nur auf Befehl ihres Abts demütig zur Feder
greifen wollen! Vgl. Ortlieb in der Zwiefaltner Chronik M. G., Script. X, 70.

2) Dies gegen Bossert 15 u. ö., demzufolge der Codex auf Befehl Sigharts nach dem Muster des
Cod. Eberharti entstanden sei.

s) Bossert 14 betont mit Recht, daß diese Anrede nur nr. 3810 (dominus Anshelmus a.) von
einem Toten gebraucht wird, während es sonst heißt reverendus, venerabilis, religiosus pater. Da-
gegen 1195 bei Lebzeiten Sigharts: dominus. S. a. nr. 3833.

4) K. 154.

'"') Eine genaue Angabe über das Grab rindet sich nur bei Heinrich (K. 164), Hildebert und
Markwart (K. 155), Folknand (K. 154), Diemo (K. 144). Die Klosterkirche war unter Diemo wieder-
hergestellt worden (K. 143/4).

6) K. 144.
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