Glöckner, Karl [Editor]; Historische Kommission für den Volksstaat Hessen [Editor]
Codex Laureshamensis (Band 1): Einleitung, Regesten, Chronik — Darmstadt, 1929

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mäßig sind solche offenen Stellen auf den Blättern 225—9, nr. 2810ff., da diese die
Oblationes fidelium, gleichzeitige Schenkungen, enthielten, deren Fortsetzungen hier
eingetragen werden sollten. Nachdem der Schreiber L sein Werk größtenteils be-
endet hatte, kehrte er zur Chronik zurück, um hier die Ereignisse der letzten Jahre

5 nachzutragen; dies muß etwa gleichzeitig mit der Niederschrift der 27. Lage (bis
Bl. 211) geschehen sein, da beiden Stücken die gleichen Schriftzüge und die dunkel-
braune Tinte gemeinsam sind.

Die Schreiber A und E fanden noch die Zeit zur Lesung der Korrektur.
Fehlerzeichen in Form kleiner Häkchen deuten am Rande die zu berichtigenden

o Stellen an. Die Verbesserungen sind meist flüchtig ohne Schabmesser ausgeführt,
das Häkchen am Rande blieb oft auch nachher stehen. Nach Aufhören der Hand E
vermißt man bald die letzten Zeichen der bessernden Sorgfalt.1) Erst auf den letzten
Blättern tauchen wieder vereinzelte Fehlerstriche auf.

II. Entstehung der Handschrift.

Für die Entstehungsgeschichte sind damit die paläographischen Grundlagen
r> gewonnen. Als Gegenstand ihres Werkes gibt Hand A in der Überschrift: Trans-
scriptio privilegiorum regalium et apostolicorum, seu traditionum laureshamensis
monasterii. annotatio quoque regum et imperatorum seu abbatum ab exortu eius
usque ad nos. Für die historische Skizze (annotatio) ist also eine Abschrift der
Papst- und Kaiser- sowie der Privaturkunden geplant; denn diese meint sie mit
den traditiones2), wie sie auch gleich in den ersten Zeilen des Textes, die Uberschrift
erläuternd, sagt: ceteras fidelium dei donationes. Von einer Teilung des Buches in
zwei Teile, von denen der erste im wesentlichen die Papst- und Kaiserurkunden,
der zweite die Privaturkunden bringen soll, ist keine Rede. Der Text bestätigt also
nur, was die Anlage des Buches über die anfängliche Selbständigkeit der Chronik
uns lehrte. Auf Grund dieser Urkunden, die er aus zerstreuten Einzelstücken in
einen Band sammelt (ex diversis sparsim exemplaribus), will der Chronist die Lorscher
Kirche schildern primo quibus auctoribus fundata sit et plantata, ac subinde quibus
incrementis ad taute sublimitatis sit evecta fastigium.

Urkundliche Klostergeschichten dieser Art hat das 12. und 13. Jahr-
hundert überall in Deutschland hervorgebracht. Man vergleiche neben der Chronik
von Benediktbeuren die Vorrede des Chronikon Ottenburanum vom Ende des
12. Jahrhunderts3): Complacuit . . . positionem describere Outenburrensis monasterii,
qualiter a fundamentis constructum sit, pariter per quos inicium tantae provectionis
usque ad nos acceperit .... tantura vetustissimarum litterarum Seriem prosequentes.
Die Chronik selbst gibt dementsprechend die wichtigsten Urkunden, durch kurze
historische Notizen verknüpft. Sehr bezeichnend auch für unsere Chronik ist, was
der Codex Epternacensis um 1191 sagt4): .... annectere studuimus, quae de eis et
posteris eorum [der Karolinger] sparsim aut in cartis legimus aut certa antiquorum
relatione didicimus ita, ut per annos incarnationis usque ad nostra tempora an.j
principum, regum et imperatorum computantes varium eventum loci nostri describanr
et congeriem testamentorum eius de bonis quae a sancta Irmina [der Gründerinj

J) Zuletzt nr. 987 und 1002.

2) Eine Kaiserurkunde heißt nie traditio, gondern nur Privilegium, auctorilas (traditionis); vgl.
das Sachregister unter traditio.

3) M. G., Scriptores IX, 229 und XXIII, 611. — 4) ebd. XXIII, 47.
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