Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Editor]
Neue Heidelberger Jahrbücher — N.F..1950

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Karl Preisendanz
Die Rückkehr der Manesseschen Liederhandschrift*
Drei Versuche des letzten Jahrhunderts, die Manessesche Handschrift
der mittelhochdeutschen Minnesänger aus Paris wieder für Deutschland
zu gewinnen, sind im Sand verlaufen. Sie gingen alle von der Voraus-
setzung aus, das kostbare Werk habe nach der Einnahme Heidelbergs
durch die Truppen Tillys das Schicksal des gesamten Bücherbesitzes von
Schloß und Universität geteilt, sei seiner Heimat gewaltsam entfremdet
und auf unbekanntem Weg in die Bibliothek des französischen Königs
verschlagen worden. Und so war es nur natürlich, daß man deutscherseits
nach Beendigung der Freiheitskriege die Gunst der politischen Lage er-
griff und sich bemühte, die Liederhandschrift wieder zu erhalten, obwohl
sich Jacob Grimm die Schwierigkeit dieses Versuches nicht verhehlte.
Er wurde 1815 vom Preußischen Ministerium mit dem Auftrag betraut,
in Paris alle Handschriften und Bücher zu ermitteln, die durch den Re-
volutionskrieg und unter Napoleon aus Deutschland entfernt und nach
Frankreich gebracht worden waren1. Zu ihnen gehörte aber, wie ihm
wohlbekannt war, die Manessesche Handschrift nicht; sie war schon vor
langer Zeit in französischen Besitz geraten; wann und wie, gestand J.
Grimm nicht zu wissen. Erst etliche Jahre später kam Friedrich von der
Hagen der Lösung dieses Rätsels näher2: mit der Büchersammlung der
Königl. Bibliothekare Pierre und Jacques Dupuy war das Große Lieder-
buch 1657 durch Vermächtnis — jener starb 1651, dieser 1656 — an die
Bibliothek Ludwigs XIV. übergegangen3, und die Vermutung liegt nahe,
* Nach einem Vorfrag in der Heidelberger Akademie der Wiss. (phil.-hist.
Klasse) am 17. Juni 1942; s. Sitz.-Ber., Jahresheft 1941/42 (Hdbg 1945), S. 16 f.
Deutsche Lit. Zeit. 63 (1942), Sp. 962f.
3 Bericht über die Verhandlungen der Kgl. Preußischen Akademie der Wis-
senschaften zu Berlin 1845, S. 110.
2 Bei Bernard Earl Mathieu, Minnesänger aus der Zeit der Hohenstaufen
(Paris 1850), S. IX.
3 Die Übernahme der Schenkung durch den König erfolgte am 4. Juli 1657.
Damit war auch die Llederhandschrjift — im Bibliofhekskatalog der Brüder
Dupuy Nr. 227 — in die Königliche Bibliothek übergegangen, in der sie nach
dem Katalog von Nicolas Clement von 1682 die Nummer 7266 erhielt. Darüber
berichtet ein Schreiben von L. Delisle an Ä. Duncker (Z. f. B. 1 [1884], S. 55f.;
auch bei Fr. X. Kraus, Die Miniaturen der Manesse’schen Liederhandschrift,

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