Historisch-Philosophischer Verein <Heidelberg> [Editor]
Neue Heidelberger Jahrbücher — N.F..1952/​1953

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Karl Preisendanz
Reginbert von der Reichenau
Aus Bibliothek und Skriptorium des Inselklosters ])
Wenn auch die neuere Forschung, besonders die von Franz Beyerle1 2, fast
alles ins Gebiet der Fabel und Nachahmung verwiesen hat, was die alten
Biographien des hl. Pirmin, die vitae Permini, über die Reichenauer Klo-
stergründung dieses landfremden missionierenden Organisators berichten,
dürfte doch das eine feststehn, daß er seinen klösterlichen Schöpfungen nicht
nur ein geistliches, sondern zugleich ihr geistiges, literarisches Gesicht gege-
ben hat. So auch der Reichenau, wohin er wahrscheinlich 729, nicht schon
724 — das traditionelle Gründungsjahr — gekommen ist.
Mag er ursprünglich aus Südfrankreich oder Spanien stammen und sich
nach leicht denkbarer Flucht vor den Sarazenen ins westfränkische Gebiet,
überlieferungsweise nach dem iroschottischen Melcis Casteilum (Meaux a.
d. Marne bei Paris) begeben haben3, jedenfalls hat er den Urkonvent von
Reichenau überwiegend mit oberdeutschen Brüdern besetzt; fremde Namen
begegnen nur vereinzelt in der ältesten Mönchsliste, unter dem ersten Du-
tzend je ein Westgote und Romane, dazu zwei Westfranken. Offenbar hat
Pirmin trotz damals politisch stürmischer Zeit bewußt, vielleicht im Auf-
trag des Hausmeiers Karl Martell eine klösterliche Gemeinschaft vorneh-
mer Alemannen geworben, die nach der Regel Benedikts von Nursia und
nach iroschottischem Vorbild geschult und gebildet wurden4.
Beides bedingte, daß in diesem Kloster grundsätzlich die Buch- und
Schriftkultur Pflege fand und der monastische wie geistig-literarische Kon-
takt mit den verwandten Missionsstätten des Frankenreichs zur Übung
wurde. Das hat sich lang, gewiß noch in der Blütezeit Reichenaus, der Augia
Dives, bewährt.
So ist es auch durchaus glaubhaft, daß schon Pirmin den Grund einer
Klosterbibliothek legte. Wenigstens las noch um 1500 der Reichenauer
1 Nach einem Vortrag in der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (phil. hist.
Kl.) vom 17. Februar 1951.
2 Bischof Perminius und die Gründung der Abteien Murbach und Reichenau (Zeit-
schrift f. Schweizerische Geschichte 27, 1947, 1—173).
3 Gall Jecker, St. Pirmins Plerkunft und Mission (KAR 1, 35 f.).
4 J. R. Dieterich, Die Geschichtsschreibung der Reichenau (KAR 2, 776 f.); Konrad
Beyerle, Das Reichenauer Verbrüderungsbuch; ebda. 2, 1134.
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