Hebbel, Friedrich; Heine, Thomas Theodor [Editor]
Judith: eine Tragödie in 5 Akten — München, 1908

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ZWEITER AKT.
(Gemach der Judith. Judith und Mirza am Webstuhi.)
JUDITH. Was sagst du zu diesem Traum?
MIRZA. Ach, höre lieber auf das, was ich dir sagte.
JUDITH. Ich ging und ging und mir war's ganz eilig, und doch
wußt ich's nicht, wohin mich's trieb. Zuweilen stand ich still und
sann nach, dann war's mir, als ob ich eine große Sünde beginge;
fort, fort! sagt ich zu mir selbst und ging schneller wie zuvor.
MIRZA. Eben ging Ephraim vorbei. Er war ganz traurig.
JUDITH (ohne auf sie zu hören). Plötzlich stand ich auf einem hohen
Berg, mir schwindelte, dann ward ich stolz, die Sonne war mir so
nah, ich nickte ihr zu und sah immer hinauf. Mit einmal bemerkt
ich einen Abgrund zu meinen Füßen, wenige Schritte von mir, dunkel,
unabsehlich, voll Rauch und Qualm. Und ich vermochte nicht zu-
rückzugehen, noch still zu stehen, ich taumelte vorwärts; Gott! Gott!
rief ich in meiner Angst, — hier bin ich! tönte es aus dem Abgrund
herauf, freundlich, süß; ich sprang, weiche Arme fingen mich aui,
ich glaubte, einem an der Brust zu ruhen, den ich nicht sah, und
mir ward unsäglich wohl, aber ich war zu schwer, er konnte mich
nicht halten, ich sank, sank, ich hört ihn weinen, und wie glühende
Tränen träufelte es auf meine Wange. —
MIRZA. Ich kenne einen Traumdeuter. Soll ich ihn zu dir rufen?
JUDITH. Leider ist's gegen das Gesetz. Aber das weiß ich, solche

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