Japanische Kunstgegenstände aus bekanntem Mitteldeutschen Besitz: Keramik, Bronzen, Waffen, Schwertstichblätter und Schwertzieraten, Arbeiten in Lack, Schnitzereien in Holz und Elfenbein, Netzke, Inro, Möbel, Wandbilder (Malereien in Lack, in Auflegearbeiten und Kakemonos); Auktion in München in der Galerie Helbing 7. Juni und folgende Tage — München: Helbing, 1910

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Vorwort.

Es sind noch nicht viele Jahrzehnte, daß sich das Land des Sonnenaufgangs wieder für uns
öffnete und der Sammler und Kunstkenner dort ein Feld entdeckte, das die reichste Ernte
versprach — aber weit über alle Erwartung hinaus erschloß sich allmählich eine Welt ungeahnter
Herrlichkeit im Glanze einer uralten Kunst, die seit den frühen Jahrhunderten unserer Zeitrechnung
in ununterbrochener Entwicklung teilweise noch heute weiterlebt. Jene, die nun allein vom Stand-
punkt des strengen Kunsthistorikers sammeln, begegnen dabei ja immer bedeutenden Schwierig-
keiten durch die Seltenheit und Kostbarkeit der ganz alten Gegenstände.
Das Sammeln um der Schönheit des Gegenstandes willen ist eine ungetrübtere Freude,
denn es sucht vor allem jene Kunst, die den Schmuck, die künstlerische Belebung unserer Um-
gebung, den vergoldenden Sonnenschein des grauen Alltags bietet. Wer in diesem Sinne sammelt,
wird in der vorliegenden Sammlung, eine der umfangreichsten, die seit langem in die Öffentlichkeit
kommt, schönste Ausbeute gewinnen. Die alte große und ernste Kunst Japans wird in unseren
Räumen immer fremd bleiben, ihre zarten, auf ganz dezente Wirkung gestimmten Malereien würden
erdrückt von unseren farbigen Tapeten, massigen Möbeln, verschwinden unter all dem, was wir
unsere Kultur des äußeren Lebens nennen. Was wir als verfeinerten Luxus ansehen, erscheint
dem Ostasiaten überladen und sinnlos — seine Wohnräume bedurften keiner großen Möbel —
helle, ruhige Wände, ein Rollbild zum Schmuck des ganzen Raumes, eine Vase, beides von dis-
kretester Wirkung — vielleicht noch ein Gerät in der edlen Lackmalerei, genügten vollauf seinem
Bedürfnis nach Innendekoration. Ernst, zurückhaltend, von größter Einfachheit war anscheinend
jedes Kunstwerk, durchgeistigt und entstanden aus einem echten und Jahrhunderte hindurch ver-
feinerten Stilgefühl. Reichtum und Pracht, wenn auch nicht in unserem Sinne, begegnete man
vor allem in den großen Tempelheiligtümern mit ihren in mystischem Halbdunkel verdämmernden
Hallen, deren Wände uralte Malereien auf Seide schmückten, wo goldene und in Farben glühende
Heiligenstatuen aus fernen Jahrhunderten auf das Tagesleben des sonnigen Japan blickten.
Scheinbar trennt eine tiefe Kluft die neue Zeit von jenen großen, feierlich unnahbaren
Kunstschöpfungen jener Vergangenheit — aber doch sind bis in die spätesten Epochen der japa-
nischen Kunstgeschichte die Fäden einer echten, großen nationalen Tradition nicht abgestorben,
vor allem hat das Kunstgewerbe, das dort nicht wie bei uns von der Kunst getrennt ist, sich das
Leben mit der Natur, dem unversieglichen Quell des Schaffens, mit seiner poetischen Auffassung
zu bewahren vermocht — es hat sich die höchste künstlerische Beherrschung des Materials, eine
uns unerreichbare Höhe der Technik erhalten.
Als der Schogun Jagemitsu durch ein Edikt am Beginn des 17. Jahrhunderts Japan nach
außen von jedem Verkehr abschloß, entwickelte sich unter der mehr als zweihundertjährigen
Regierungszeit der Tokugawa ein wachsender Reichtum; Pracht und Luxus durchdrangen mehr und
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