Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 14.1893

Page: 213
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Die Ornamente eines altchristlichen Codex der Hofbibliothek.

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denden Kreisen gebildet. In solcher Art gemusterte Stoffe sehen wir die Kaiserin Theodora und ihren
Hofstaat auf dem Mosaik in San Vitale gekleidet und, was uns in spärlichen Resten von antiken Seiden-
stoffen erhalten ist, zeigt ebenfalls eine Musterung mit Kreisen; sie hat sich im Oriente lange forterhalten
und erscheint noch auf dem Gewände Kaisers Heinrich IL, das im Schatze des Domes von Bamberg
bewahrt wird. Bei der inneren Bordüre hat sich der Zeichner eine Flüchtigkeit erlaubt: er brachte Mo-
tive der Fussbodenmosaiken an, das gewellte Band und die einfache Flechte, die ihm von den Canones-
bogen her schon geläufig waren. Die Ecken der Bordüren verzierte er durch Rosetten, wobei er auf
einen geschmackvollen Wechsel der Farben bedacht war.

Bei den Canonestafeln, bei den Zierblättern und dem Titel war also das lineare Flachornament
überall durchgeführt. In jedem einzelnen Falle war nach einem naheliegenden Vorbilde gegriffen
worden, das sich eine Darstellung in Linien gefallen lassen musste. Das geschah natürlich nicht mit
Absicht sondern geschah entsprechend der Schulung und Handgeschicklichkeit der Schreiber. Die
Schrift hatte das Bild übermeistert und ihm seinen Charakter aufgedrückt. An Stelle des Kunstmalers,
dem Blätter für eine Bildergallerie freigelassen waren, besorgte der Schreiber selbst die schriftgemässe
Ausstattung. Steht unser Codex auch nicht am Beginne der Entwicklung dieses Stiles der Buchaus-
stattung, den wir, hätten wir nicht ein leises Grauen vor den modernen Stilgesetzgebern zu überwinden,
den einzig technisch berechtigten nennen würden, so ist er uns werthvoll als das älteste bisher bekannt
gewordene Beispiel der Richtung, das bei aller Durchbildung doch noch den Zeiten der Versuche an-
gehört. Es war noch ein wichtiger Schritt zu machen, um diesen Bücherstil zu vollenden. Das Orna-
ment muss noch in die Schriftseite selbst eindringen, sich mit der Schrift verbinden und auf sie umge-
staltend wirken. Das geschah dann durch die Ausbildung der Initialornamentik. So ausgestattet, ging
der Codex über die Alpen und fand schliesslich durch die Iren seine Vollendung. Die karolingische
Kunst fügt zwischen seine reichverzierten Seiten wieder die Bilder der alten Prachtcodices ein, so dass
nun die beiden ursprünglich getrennten Systeme eine Ehe eingehen, die dauert, bis die Codices von den
Druckwerken abgelöst wurden, welche mit ihren sauberen Randleisten und Holzschnitten als wohl-
erzogene Kinder für die gute Art der Eltern Zeugniss ablegen.

Von der Anfertigung der Canonestafeln ausgehend, entwickelte sich also in der Bücherillustration
ein Schreiberstil, einfacher als jener Bilderstil der Kinderbücher, der sich schliesslich aufgeschwungen
hatte, Fürstinnen zu ergötzen, gemein und plebejisch in seinem Beginne, bald aber sich reckend und
rankend, bis er in jenen irischen und karolingischen Büchern in ihrer Art nie. wieder erreichte Kunst-
werke ins Leben rief.
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