Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 21.1900

Page: 1
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jbksak1900/0006
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
DIE TOSCANISCHE LANDSCHAFTSMALEREI IM XIV. UND XV. JAHR-
HUNDERT, IHRE ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG.

Von

Wolfgang Kallab.

ie antike und die moderne Landschaftsmalerei gleichen zwei Schösslingen, die
von einander unabhängig an weitentfernten Stellen dem Boden entspriessen. Bei
Eigenschaften, deren Gemeinsamkeit überrascht, wie dem Illusionismus, ver-
mögen wir die Originalität der modernen Kunst nachzuweisen; andere Analogien
erklären sich befriedigend aus der Aehnlichkeit der Vorwürfe; überdies scheint
der gewaltige zeitliche Abstand, ganz abgesehen von den Verschiedenheiten in der
Auffassung der Natur, der Behandlung des Raumes, kurz in der ganzen künstleri-

schen Technik, einen Zusammenhang auszuschliessen. Und doch laufen feine und weitverzweigte Wurzel-
fasern zwischen der römischen und der italienischen Landschaftsmalerei des XV. Jahrhunderts, der
schüchternen Vorbotin der modernen; sie blosszulegen, ist die Absicht der folgenden Untersuchungen.

Greifen wir eine derselben heraus, um unser Vorhaben im Vorhinein zu rechtfertigen. Auf zahl-
reichen italienischen Fresken und Gemälden der Renaissance, z. B. auf Leonardos »Vierge aux rochers«,
auf Mantegnas »heil. Sebastian« in Wien (Taf. VIII) oder Pinturicchios Arbeiten in der Capella Bufa-
lini (Rom, Santa Maria in Araceli; vgl. Fig. 49, 50), fallen sonderbare Felsbildungen in die Augen.
Das Gestein steht in regelmässigen Platten an, die bald senkrecht und lose aneinandergeschoben, bald
wagrecht zu Stufen geschichtet sind, in winkelrecht behauenen Quadern oder in Gruppen von Blöcken,
die Krystalldrusen gleichen; seine Kanten sind scharf und oft genau rechtwinklig, die Brüche frisch, als
wären sie eben bearbeitet worden. Allenthalben blickt der Fels nackt hervor; die Grasbüschel, welche
die Kuppen bedecken, liegen lose auf, als wären sie mit dem Grunde noch nicht verwachsen. Hat man
das Auge für solche Einzelheiten geschärft, so wird man sie auch bei frühen flandrischen Malern, bei Jan
van Eyck, bei Rogier van derWeyden U.A., mit leichter Mühe wieder erkennen. Verdanken sie alle der
gleichen Laune der Maler ihren Ursprung, die trotz des äussersten Naturalismus nichts Anderes als
scharf beobachtete Einzelheiten wiedergeben konnten? Oder erweisen sie sich als Spuren älterer Vor-
bilder, deren alterthümliche Formen der neu erwachte Naturalismus nicht zu verdecken vermochte?
Ein Blick auf die italienischen Fresken des XIV. Jahrhunderts lehrt die Antwort: die sonderbaren Miss-
bildungen entstammen einer alten Ueberlieferung; denn auch Giottos, Duccios Werke sind keineswegs
ihre Endglieder. Sie führen auf die byzantinische Malerei, die sich in diesem Punkte, wie schon
Waagen erkannt hat, an die altchristliche anschliesst. Auf den Miniaturen der Wiener Genesis fand
der genannte Forscher1 das älteste ihm bekannte Beispiel der »conventionellen, schroffe Felsen an-
deutenden Form, wie sie auf allen byzantinischen Malereien und in Nachahmung derselben auch auf
so vielen abendländischen Malereien vorkommt«.

Halten wir inne. Die offenkundige stilistische Tradition, die schon an und für sich eine schärfere
Bestimmung verdient, legt den Gedanken nahe, ob sich nicht noch andere Zusammenhänge zwischen

1 Waagen, Die vornehmsten Kunstdenkmäler Wiens II, S. 7; vgl. Woermann, Kirchenlandschaften, Repertorium XIII (1890),
S. 2i3.

XXI. 1
loading ...