Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 28.1909-1910

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Gustav Glück.

Renaissance ist dann natürlich die Fälschung von Antiken gang und gäbe. Nichts ist bezeichnender für
diese Seite der Renaissancebewegung als die bekannte Geschichte des schlafenden Amor, den Michel-
angelo als junger Mensch meißelte und auf Anraten seines Gönners Lorenzo de'Medici, mit künstlicher
Patina von Erde und Verwitterung versehen, als antik nach Rom verkaufte. Antike Statuen wurden
damals, wie heute, besser bezahlt als moderne und ein Fürst wie Lorenzo fand an einer solchen Fäl-
schung nichts Bedenkliches.

Bis zur Renaissance handelt es
sich bei den Fälschungen noch um
die Nachahmung eines bestimmten
Stiles; man denkt noch nicht daran,
Werke einzelner großer Künstler
zu fälschen. Sobald aber, wie wir
das an den erhaltenen Inventaren
von Sammlungen des XVI. Jahr-
hunderts verfolgen können, der
Name des Künstlers und das Ge-
wicht seiner Persönlichkeit begin-
nen, eine bedeutende Rolle zu spie-
len, kommt es bald zu Fälschun-
gen auf die Namen bestimmter gro-
ßer Künstler. Die größten und
mächtigsten Sammler der ersten
Hälfte des XVII. Jahrhunderts, wie
Karl I. von England, der Herzog
von Buckingham, Lord Arundel
U. a., legen schon das größte Ge-
wicht darauf, die Namen der gro-
ßen Italiener, wie Raffael, Lionardo,
Michelangelo, Correggio, Giorgione,
Tizian, Veronese, möglichst voll-
ständig in ihren Galerien vertreten
zu sehen. Zu diesen Italienern ge-
sellt sich von deutschen Künstlern,
neben Holbein, nur Dürer, der von
allen deutschen Malern, die je ge-
lebt haben, schon damals den größ-
ten Ruhm genoß.

Man kann sich nicht leicht
eine Vorstellung davon machen, wie
berühmt Dürer schon zur Zeit sei-
nes Lebens in ganz Europa gewesen ist. Seinen leicht versendbaren Kupferstichen und Holzschnitten
hat er ohne Zweifel einen großen Teil dieses Ruhmes zu danken: man findet sie in ganz Europa ver-
breitet und schon zu seinen Lebenszeiten werden sie in allem möglichen Material, in Stichen, Bildern
und Miniaturen, in Holz, Stein, Metall und Glas in Deutschland, in Italien, in den Niederlanden nach-
geahmt und kopiert. Ja selbst einzelne von seinen Bildern findet man in unzähligen Kopien auf der
ganzen Welt verbreitet; wir erinnern hier nur an jenes vor wenigen Jahren in Lissabon wiederentdeckte
Gemälde des heiligen Hieronymus, das er auf seiner niederländischen Reise für einen reichen Portugie-
sen gemalt hat und das man fast in allen Galerien Europas in Kopien, teils von niederländischer, teils
von deutscher Hand, wiederfindet.

Fig. 2.

Albrecht Dürer, Bildnis eines Mädchens.
Berlin, Kaiser Friedrich-Museum.
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