Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 28.1909-1910

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BREU-STUDIEN

Von

Heinrich Röttinger.
L Der alte Breu.

he ich daran gehe, dem alten Breu1 einige neue Bilder zuzuteilen, versuche ich,
durch chronologische Anordnung der bereits bekannten die Wandlungen seines
Stiles in großen Zügen aufzuzeigen.

An der Spitze seiner datierten Arbeiten, die dabei natürlich die Stützpunkte
abgeben müssen, steht das älteste seiner bisher überhaupt bekannt gewordenen
Werke, der in vier doppelseitig bemalten Tafeln als Bruchstück auf uns gekommene
Altar von 1501 im Museum des Stiftes Herzogenburg in Niederösterreich.2 Das
temperamentvolle und farbenfrohe Werk folgt in jedem Sinne dem Zyklus der bekannten Augsburger
Basilikenbilder. An Holbein gemahnen einzelne Männerköpfe der Tafeln, an Burgkmair einige Frauen-
typen mit runden Gesichtern und stumpfen Näschen; die feingeschnittenen Züge und schmalen, leicht
gebogenen Nasen anderer entsprechen noch der strengeren Weise des XV. Jahrhunderts.

In dem im Kaiser Friedrich-Museum in Berlin3 befindlichen Madonnenbilde von 1512, dessen
Kolorit im wesentlichen dem der Herzogenburger Tafeln gleicht, ist diese Art von Frauencharakteren
nicht mehr anzutreffen. Männertypen fehlen bei dem gegenwärtigen Zustande der Tafel.

Das Bild mit den heil, drei Königen aus dem Jahre 1518 in der Hospitalskirche zu Koblenz zeigt
tieferes Kolorit und in den kräftigen Zügen des Marienkopfes ein leichtes Abweichen von der zierlicheren
Art der Berliner Madonna. Die beiden weißen Könige machen den Eindruck von Porträten.

Die 1519 datierte Madonnenskizze des Berliner Kupferstichkabinettes,4 außer der mir unbekannten
undatierten Londoner Porträtzeichnung eines Ilsung5 die einzige erhaltene Kopfstudie Breus von
größeren Dimensionen und deshalb hier nicht zu entbehren, ist interessant als letztes gutes Beispiel des
grazilen Frauentypus Breus (kurzes Stumpfnäschen, geschweifte Augenlider, die allmählich schütter
werdenden Augenbrauen steigen gegen die Schläfen auf).

1 Über Jörg Breu den Vater schrieben A. Rosenberg: Kunstchronik X (1875), Sp. 388fF. — A. Essenwein, Hans
Tirols Holzschnitt Die Belehnung König Ferdinands I., Frankfurt a. M. 1887: Abdruck des Textes in den Mitteilungen aus
dem Germanischen Nationalmuseum II (1887/89), S. 1 ff. — R. Stiassny: Schnütgens Zeitschrift für christliche Kunst VI (1893),
Sp. 289fr.; VII (1894), Sp. ioiff., und Zeitschrift für bildende Kunst, N. F. IX (1897/98), S. 296f. — H. A. Schmid: Zeit-
schrift für bildende Kunst, N. F. V (1894), S. 21 ff., und Repertorium für Kunstwissenschaft XXI (1898), S. 3l I f. — W. Schmidt:
Repertorium XIX (1896), S. 285f., und XXVI (19öS), S. i33. — F. Dörnhöffer: Jahrbuch der kunsthistorischen Samm-
lungen des allerhöchsten Kaiserhauses XVIII (1897), S. 20'. und 274. — K. Giehlow: ebenda XX (1899), S. 94fr. —
C. Dodgson: Jahrbuch der kgl. preußischen Kunstsammlungen XXI (1900), S. 192fr.; XXIV (1903), S. 335, und Repertorium
XXVI (1903), S. 117fr. — A. Hagelstange: Mitteilungen des Germanischen Nationalmuseums 1905, S. 3ff. — F. Roth: Die
Chroniken der deutschen Städte, Band XXIX (1906), S. 3ff. — H. Röttinger: Repertorium XXXI (1908), S. 48fr.

2 Abb. einer Tafel bei Dörnhöffer.

3 Nr. 597 A. Photographie der Photographischen Gesellschaft in Berlin. Vgl. das Beschreibende Verzeichnis der Gemälde,
5. Auflage, 1904, S. 4gf. Das übermalte Stück der Tafel zeigte wahrscheinlich den knienden Stifter, dem das Jesuskind den
Rosenkranz reichte und dem das Gebetbuch neben dem Kruge gehörte, mit dem hinter ihm stehenden Patron.

4 Abb. in Lippmanns Zeichnungen alter Meister im Kupferstichkabinett des kgl. Museums zu Berlin, VI D.

5 J. C. Robinson, Descriptive Catalogue of Drawings by the Old Masters, Collection of J. Malcolm, London 1871, p. 174,
Nr. 517. Statt Krug ist nach J. Meder Brew zu lesen.

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