Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 28.1909-1910

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LAS MENINAS.

EIN BEITRAG ZUR IKONOGRAPHIE DES HAUSES HABSBURG

VON

Valerian von Loga.

n einem Alter, m dem man es besonders gut versteht, eine junge Frau zu verwöh-
nen, war Philipp IV. eine zweite Ehe eingegangen. Als am 12. Juli 1651 den Früh-
gealterten die um mehr als 3o Jahre jüngere Gemahlin mit einem Töchterchen
beschenkt hatte, herrschte im Lande große Freude: stand doch die Hoffnung der
Monarchie, nachdem der Kronprinz, kaum dem Knabenalter entwachsen, von
einem hitzigen Fieber schnell und unerwartet dahingerafft worden war, auf den
beiden veilchenblauen Augen der von Königen umworbenen Infantin Maria Teresa.
«Das Kind war von besonderem Reiz: selbst der stolze, spöttische Gramont, der ein groteskes Bild
der Hofgesellschaft jener Tage entwirft, nennt sie in einem Briefe an die Königin Anna einen kleinen
Engel und an Ludwig XIV. so lebhaft und hübsch wie möglich. Auch heute noch fühlt man vor ihrem
Bilde die siegreiche Macht des immerdar sich verjüngenden Lebens, das stets so frisch und hoffnungs-
reich beginnt wie der Morgen. So lange noch der Saft in einem letzten Zweig emporsteigt, wird er auch
an dem morschen Baume eine Blüte erzeugen können, den duftigsten des Frühlings gleich.»1

Margarita Teresas Abstammung ist ihrer Jugend früher Tod. Seit 150 Jahren gab es unheimlich
viele Ehen zwischen nahen Verwandten in dem spanischen Stamme des Hauses Habsburg und es war
wie ein Verhängnis, daß nur Kinder aus solchen Verbindungen bestimmt waren, die Dynastie fortzu-
pflanzen. Margaritas Eltern waren Onkel und Nichte, ihre Großeltern Kaiser Ferdinand III. und Köni-
gin Margarita, in demselben Grade mit einander verwandt. Philipp III. war aus seines Vaters vierter
Ehe mit der Tochter von Philipps II. Lieblingsschwester Maria und seinem Vetter Maximilian II. ent-
sprossen. Zu dem gemeinsamen Urahnen, Philipp dem Schönen, blickten all diese stolzen Geschlechter
auf. Als Margarita Teresa ihrem Oheim Kaiser Leopold I. die Hand reichte, hatte es den Anschein,
als wenn Karls V. Weltenreich noch einmal vereinigt werden sollte. Der jungen Kaiserin war es nicht
vergönnt, einen Sohn heranwachsen zu sehen. Das Kind ihrer Tochter, durch das Testament des
dahinwelkenden Oheims zum Erben Spaniens bestimmt, konnte sich die Krone der katholischen Könige
auch nicht aufs Haupt setzen. Margarita ist eine andere Unsterblichkeit beschieden: von dem ersten
Kunstwerk der Welt2 grüßt ihr blutleeres Antlitz.

Die Infantin Margarita Teresa.

Das einzige überlebende Kind aus Philipps IV. erster Ehe mit der französischen Königstochter,
die am 20. September i638 geborene Infantin Maria Teresa, war ursprünglich für den Kaiserthron be-
stimmt; aber auch am Hofe Frankreichs gab es eine starke Partei, die, geführt von der Königin-Witwe
Anna von Österreich, eine Verbindung mit dem gleichaltrigen Vetter Ludwig XIV. anstrebte. Als Ferdi-

1 Carl Justi, Diego Velazquez und sein Jahrhundert, zweite Auflage, Bonn 1903, II, S. 253.

2 «sin duda alguna el primero del mundo como faesimile de la naturaleza»: Pedro de Madrazo.
XXV'lü.

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