Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 28.1909-1910

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NACHTRAG ZUR ABHANDLUNG:

DIE LEHRER DES RUBENS

Von

F. M. Haberditzl.

inen interessanten Beitrag zur Beweisführung,1 daß das früher dem Adam van
Noort zugeschriebene Gemälde im Museum zu Lille: Christus bei Martha und
Maria, als ein Werk des Jakob Jordaens anzusehen ist, bildet umstehend ab-
gebildete Zeichnung (Taf. XLVII), die in der kgl. graphischen Sammlung zu
München (Neues Inventar Nr. 1150) aufbewahrt wird.

Die Zeichnung (260 X 292 mm, Aquarellfarben auf Papier) ist die Skizze
zu dem Liller Bilde. Ihre Provenienz ist bis in das XVIII. Jahrhundert zu ver-
folgen; sie entstammt der alten Mannheimer Sammlung, deren Stempel sie trägt, und wird bereits im
alten Münchener Inventar vom Jahre 1804 (Nr. 2726) als «färbichte Zeichnung von Jakob Jordaens»
angeführt; eine Reproduktion findet sich in dem älteren Sammelwerke: Collection royale de dessins,
München, Verlag M. Ravizza, Tafel 35.2 Auch Max Rooses hat in seinem Jordaenswerk3 das Blatt
(ohne weitere Angaben) in der Liste der Zeichnungen angeführt. Die Signatur rechts unten ist nicht
echt; sie dürfte dem XVIII. Jahrhundert angehören; aber daß wir in der Zeichnung selbst eine Original-
arbeit von Jordaens zu sehen haben, steht unbedingt fest. Die Eigenart der Jordaensschen Zeichnungs-
und Malweise ist so prägnant, daß die Abbildung allein eine Diskussion überflüssig macht. Leider ver-
mag die farblose Reproduktion die meisterhafte Verteilung und Andeutung des Kolorits nicht zur An-
schauung zu bringen. Die Figuren sind in starkem braunen Kontur hingesetzt; zur Modellierung von
Körper und Gewand hat der Künstler den braun getönten Grund mit den Farbflecken in wirkungs-
vollen Gegensatz gebracht. Wie immer bei Originalentwürfen, überrascht die Ökonomie der Mittel.

Die Komposition der Figuren ist auf dem ausgeführten Gemälde in einigen Details verändert. Auf
der Skizze ist die Figur des weiß bärtigen Petrus in Vorderansicht gestellt, nur der Kopf ins Profil
gewendet; das Gemälde zeigt ihn ganz in Profilstellung, und zwar identisch — auch im veränderten
Gesichtstypus — mit der Figur links vorne auf dem Mainzer Jordaensbilde: Jesus im Tempel.4 Diese
Veränderung wirkt tatsächlich als Verbesserung. Ebenso gewinnt der Zusammenschluß der Figuren
und der Raumeindruck dadurch, daß Maria etwas höher sitzt, und namentlich dadurch, daß die Tür
nicht wie auf der Zeichnung rechts sondern links zwischen Christus und Martha angebracht ist, wodurch
eine räumliche Distanz geschaffen wird.

Die Komposition des Kolorits ist im wesentlichen beibehalten (grauweißer Mantel Petri, im Schatten
etwas lila ; hellroter Mantel Christi mit hellerem Uberschlag auf der rechten Schulter, auf dem Gemälde
sattere Färbung, die braunen Schatten beibehalten; Mantel des Johannes braunviolett; Maria hellgelber

1 Siehe Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses, Bd. XXVII, Heft 5: Haberditzl
«Die Lehrer des Rubens», S. i83—185 und Abbildung Fig. 24.

* Die Feststellung dieser Angaben sowie die Vermittlung der Reproduktion verdanke ich dem liebenswürdigen Entgegen-
kommen des Herrn Konservators O. Weigmann.

3 Max Rooses, Jordaens Leben und Werke, Stuttgart s. a., S. 270.

4 Vgl. dieses Jahrbuch a. a. O., S. 184 und Fig. 25.

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