Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 29.1910-1911

Page: 259
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UNGEDRUCKTE STICHE.

MATERIALIEN UND ANREGUNGEN AUS GRENZGEBIETEN DER KUPFERSTICHKUNDE.

Von

Arpad Weixlgärtner.

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er Haupttitel, unter dem stichmäßige Gravierungen verstanden werden, die ent-
weder nicht zum Abdruck bestimmt gewesen sind oder nicht abgedruckt werden
können, erstreckt sich eigentlich bloß auf einen Teil der vorliegenden Arbeit,
und zwar auf jenen, von dem sie ihren Ausgang genommen hat. Da es ungemein
schwierig ist, für das Allerlei der folgenden Untersuchungen einen auch nur sprach-
lich möglichen, geschweige denn einen sachlich erschöpfenden Gesamttitel aus-
findig zu machen, und da sich der schließlich gewählte schon als handliches
Schlagwort empfiehlt, so mag er als pars pro toto gelten gelassen werden.

Die Arbeit, die der kunstindustriellen Sammlung des Wiener Hofmuseums ihr Entstehen verdankt,
gibt sich Mühe, gleichzeitig — bekanntlich immer eine mißliche Sache — zweierlei Absichten zu er-
reichen. Einerseits will sie die genannte Sammlung wenigstens insofern einmal einseitig mit dem Auge
des Kupferstichforschers betrachten, als sie sich ausschließlich nur mit jenen Objekten beschäftigt, die
irgendwelche Beziehungen zum Kupferstich aufweisen; andererseits will sie zur selben Zeit eben an der
Hand jener Objekte den Inbegriff all der vielen und mannigfaltigen Verknüpfungen der graphischen
Künste mit den anderen Kunstzweigen mindestens andeutungsweise umreißen und, ergibt sich gerade
ein Anlaß dazu, auch der Erörterung einer die Kupferstichkunde betreffenden Prinzipienfrage nicht aus
dem Wege gehen. Zu diesem Vorhaben ist jene große alte Sammlung, die als der verhältnismäßig am
wenigsten veränderte und geschmälerte Teil von Erzherzog Ferdinands Kunstkammer auf Schloß Am-
bras in Tirol angesehen werden darf und zahlreiche Produkte der verschiedenartigsten Kunstgebiete
umfaßt, vielleicht ganz besonders geeignet. Auf andere Sammlungen soll nur dann eingegangen werden,
wenn es eine störende Lücke zu füllen gilt oder wenn sich ungezwungen eine verdeutlichende Parallele
ergibt. Daß dabei die Wiener Sammlungen im Vordergrunde stehen, bedarf wohl keiner Erklärung.
Eine erschöpfende Behandlung des Gegenstandes ist natürlich weder angestrebt noch wohl überhaupt
möglich.

Schlechthin gebraucht, hat, wie hier nur nebenbei bemerkt sei, in der ganzen Studie das Wrort
Stich oder Kupferstich denselben weiten Sinn wie etwa in der Bezeichnung Kupferstichkabinett, wo
darunter ja auch außer den eigentlichen Kupferstichen noch Radierungen, Holzschnitte und Litho-
graphien, kurz Produkte der gesamten graphischen Künste verstanden werden.

In der Natur der folgenden Abhandlung liegt es, daß viel und vielerlei unter einen Hut gebracht
werden muß, daß die Zusammenhänge oft sehr locker und daß Abschweifungen und Wiederholungen
nicht völlig zu umgehen sein werden.

Als nicht ganz überflüssig käme sich die Arbeit dann vor, vermöchte sie für die Sammlung, aus
der sie hervorgewachsen ist, einiges Neue zutage zu fördern und Altbekanntes in neues Licht zu rücken.
Auf dem richtigen Wege zu dem höheren Ziele aber, das sie sich außerdem gesteckt hat, wüßte sie sich
dann gelänge es ihr, gerade in jüngster Zeit erhobene berechtigte Vorwürfe und Klagen darüber, daß
in der Kunstgeschichte die linke Hand oft nicht wisse, was die rechte tut, daß zwischen Kupferstich-

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