Kerschensteiner, Georg
Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung: neue Ergebnisse auf Grund neuer Untersuchungen — München, 1905

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Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung.

Der

geometrische

Landschulen, weit unter dem Durchschnitt der Arbeiten der Stadt-
kinder. Ich habe auf Tafel 120 eine Probe dieser ländlichen Ver-
zierungskunst gegeben.

Systematische Versuche an den Münchener Kindern zeigten nun,
dass die Stadtkinder auch in den ornamentalen Künsten die Land-
kinder bei weitem übertreffen. Der „geometrische Stil“ trat stark
hinter den Reihungen naturalistischer wie dekorativer Motive und
hinter Randverzierungen aus Pflanzenranken zurück, und wenn er
auftrat, so zeigte er sich gewöhnlich nicht mehr im primitiven
Gewände.

Beim geometrischen Stil:J:) möchte ich überhaupt drei Arten
unterscheiden. Zunächst sind jene ganz ursprünglichen Verzierungs-
versuche zu beobachten, wie wir sie bei den Bauernkindern fanden
und wie wir sie fast bei allen primitiven Völkern antreffen. Er ist
die Folge einer Verzierungslust bei völligem Mangel eines graphischen
Darstellungsvermögens sowohl, als auch geeigneter Darstellungswerk-
zeuge. Eine zweite Art, die ebenfalls bei Kindern wie bei primi-
tiven Völkern beobachtet werden kann, ist dadurch gekennzeichnet,
dass das graphische Ausdrucksvermögen Tür konkrete Gesichtsvorstel-
lungen, wenn auch noch dürftig, entwickelt ist, dass aber der Zeichner
absichtlich abstrakt geometrische Motive, Dreiecke, Rauten,
Rhomben, Quadrate, Kreise, Ovale, rhythmisch gegliederte Linien etc.
für seine Verzierungsversuche wählt. Endlich bemerken wir aber
auch eine dritte Art des geometrischen Stiles, die jedoch bei den
Kindern nicht zu finden ist, sondern nur bei primitiven Völkern:
die ursprünglich naturalistischen Motive der Verzierungskunst werden
immer schematischer, immer geometrischer, bis von späteren Gene-
rationen ihr Ursprung überhaupt nicht mehr erkannt wird. Den
Streit der Kunsthistoriker, was am Anfänge alles Kunstschaffens
gestanden haben möge, möchte ich nach den Zeichenversuchen
meiner 58000 Schulkinder dahin entscheiden, dass neben einer höchst
primitiven Plastik bei den Urvölkern sowohl jene erste Art des
geometrischen Stiles als auch das Tier- und Menschenschema ge-
standen haben wird. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, nur
eine einzige Quelle anzunehmen. Das Streben, alle Kunstäusserungen
auf eine Quelle zurückzuführen, hat nicht nur Riegl in seinen Stilfragen

Unter diesem Namen werden jene abstrakten Verzierungen zusammengefasst,
wie wir ihnen bei den Troglodyten Aquitaniens, auf den Gefässen der Hallstadtperiode,
den Geräten der Bakairi-Indianer Brasiliens, den Erzeugnissen der Malayen auf den
Togo- und Samoa-Inseln, in Deutsch- und Britisch-Neu-Guinea, dann aber auch bei
den griechischen Doriern im Dipylonstile begegnen.
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