Kerschensteiner, Georg
Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung: neue Ergebnisse auf Grund neuer Untersuchungen — München, 1905

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§ 4-

Die Darstellung der Pflanze.

Die Pflanze gehört im allgemeinen nicht zu den Dingen, welche
das Kind zur zeichnerischen Darstellung reizen, obwohl es anderseits
schon frühzeitig Freude an Blumen und Blüten äussert. Wie weit an
dieser Freude die Form, wie weit die Farbe, wie weit noch sehr
viele andere Dinge beteiligt sind, wollen wir hier unerörtert lassen.
Sicher ist nach meinen Untersuchungen, dass der Reichtum an
Formen in der dem Kinde gegenübertretenden Pflanzenwelt, der die
wenigen und stets wiederkehrenden Formen der Tierwelt in der
Umgebung des Kindes weitaus übertrifft, der Auffassung (Apperzeption)
grosse Schwierigkeiten bereitet. Das allein erklärt schon den mangeln-
den Trieb des Kindes für das Pflanzenzeichnen. Dazu mag dann
weiter kommen, dass sich das Interesse des Kindes wie des naiven
Erwachsenen mehr dem Bewegten zuwendet als dem Unbewegten,
sowohl wegen des beständigen Wechsels der Gesamterscheinung, als
auch, weil der naive Mensch in der Bewegung deutliche Äusserungen
des Lebens erkennt oder ahnt, das er selbst lebt. Wenn wir später
bei der Betrachtung des Verhältnisses, welches das Kind zum Ornament
hat, gleichwohl sehen werden, dass die zur Verzierung eines Gegen-
standes aufgeforderten Kinder mit Vorliebe Pflanzenmotive auswählen,
soferne man ihnen die Wahl der Motive freigibt, so entsteht damit
kein Widerspruch gegen die Tatsache, dass für das Kind die Pflanze
im allgemeinen kein Gegenstand der Darstellung ist. Hier legt die
Art der Aufgabe schon einen leisen Zwang auf die Wahl des Kindes.
Denn in diesem Falle ahmt es lediglich das nach, was es zu Hause,
in der Schule, auf der Strasse, in der Kirche, auf Bucheinbänden,
Tellern, Gefässen etc. gesehen hat, und das sind eben in der Mehr-
zahl naturalistische Pflanzen oder Pflanzenornamente.

Angesichts dieser Tatsache war es mir von vorneherein klar,
dass ich wenig brauchbares Material erhalten werde, wenn ich von

Das zeichnende
Kind und die
Pflanze.
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