Kerschensteiner, Georg
Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung: neue Ergebnisse auf Grund neuer Untersuchungen — München, 1905

Page: 462
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kerschensteiner1905/0482
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Überblick.

L

Die Erscheinung.

§ io.

Physische und psychische Grundbedingungen des

Zeichnens.

Ehe wir uns nun die Frage vorlegen, wie diese Stoffe mit
unseren Kindern der Volksschule behandelt werden sollen, müssen
wir untersuchen, welchen Grundbedingungen das Zeichnen unterworfen
ist. Die eine Reihe dieser Bedingungen hängt mit der physischen
und psychischen Natur des graphischen Ausdrucks zusammen, die
andere hängt von den Forderungen ab, welche die Kunst an diesen
Ausdruck stellt. Wir wollen zunächst die erste Reihe dieser
Bedingungen kennen lernen.

Das Ergebnis der zeichnerischen Tätigkeit hängt von drei
Dingen ab: der Erscheinung, der Apperzeption der Erscheinung, der
Reproduktion bezw. Produktion der gewonnenen Gesichtsvorstellung.*)

Damit eine Erscheinung zustande kommt, ist ein Gegenstand,
ein von ihm ausgehendes (direktes oder reflektiertes) Licht und das
Auge notwendig.

Was zunächst den Gegenstand betrifft, so bietet er sich
durchaus nicht in allen Lagen und in allen Beleuchtungen als der-
selbe dar und. vor allem nicht in seiner charakteristischen Form.
Liier setzt schon ein fundamentaler Irrtum aller ein, die da glauben,
sie könnten jeden Gegenstand in jeder Stellung und Beleuchtung
charakteristisch darstellen. Ein Ei, parallel , zu seiner Längsachse
beleuchtet und in der Richtung dieser Achse von seinem breiteren
Teile aus betrachtet, wird auf alle Augen den Eindruck einer Kugel,
ja bei starker Beleuchtung den Eindruck einer Kreisscheibe machen.

*_) Vergleiche daneben auch Guebin, Rapport general sur la Methode d’en-
seignement du dessin ä l’ecole primaire, in den „Rapports generaux du 2me Congres
internationale“ zu Bern, 190/j.
loading ...