Dengler, Georg [Editor]
Kirchenschmuck: Sammlung von Vorlagen für kirchliche Stickereien, Holz- & Metallarbeiten & Glasmalereien — N.F. 4.1888/​95

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Nr. 20.

Hähne auf Thürmen und Kirchen.

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nicht studirt hat, und worüber eiuige Untersuchung anzustellen mir ebeuso
^ nützlich geschicuen hat. Das ist der Hahn, welcher bloö als eine Vor-
richtung erschcint, um die Richtung des Windes zu bestimmen, der je-
doch in dem Gedanken unserer Väter eine mystische Bedeutung hat. Schon
als einfache Windfahne verdiente er einen Platz in den Arbeiten dcr
Antiquare, doch verdient er besonders wegen des christlichen Symbolis-
mus unsere Aufmerksamkeit. Jn dieser kurzei: Abhandlung will ich nach-
forschen über dessen Alterthum, an den mystischen Sinn erinuern, den
man damit verbunden hat, und dann noch ein Wort sagen über seine
Gestalt, den Stoff, auS welchem man ihn geformt, uud über den Platz,
den man ihin auf den Kirchen angewiesen hat.

Alterthum der Hähne auf unseren Kirchen. Wie Vitruv
berichtet, ließ Androniklus zu Athen einen achteckigen Thurm aus Marmor
bauen, und auf jeder Seite die Bilder der acht vorzüglichsten Winde
ausmeißeln nach deu Himmelsgegendeu, woher sie wehen. Auf diesen
Thurm hinauf stellte er eine marmorne Pyramide und darauf einen
Tritonen, der in der rechten Hand einen Stab hielt. Dieser Triton
hatte eine solche Einrichtuug, daß er bei der geringsten Bewegung sich
selbst nach dcm Winde drehte, der damals wehte und mit seinem Stabe
auf die Figur hinwies. Das Monumeut, das unter dem Namen Wind-
thurm bekannt ist, besteht noch. Er dient Derwischen als Moschee. Da
er aus großen Marmorblöcken gebaut ist, ist er nicht sehr zerfallen, die
Krönung allein ist zerstört. Wegen des schon verdorbenen Baustyles und
der mittelmäßigen Reliefe nrtheilt man, daß er der Zeit nach Perikles
angehört.

Nach dem anonymcn Autor des Werkes, das betitelt ist: ,,De Lrke
Lrclrikscton'ia", welchen On LnnAe in seinem Glossar zitirt beiin Worte
VenkiloZium, wäre zu Nom auf dem Tempel des Androgeus ein
kupferncr Triton gestanden, wie auf dem Thurme des AndronikluS.

Diefe Thatsachen, welche hier anzuführen mir güt geschienen hat,
beweisen dcutlich, daß die Windfahnen schon vor unscrer Zeit erfunden
wurden. —

Es ist also nicht unmöglich, daß man derartige Vorrichtungen aus
den ersten christlichen Tempeln anbrachte, und daß man ihnen schon da-
mals die jetzige Stellung gab. Doch läßt sich hiervon kein Beweis
führen. Die Zeit der Annahme dieser Form, welche man in der Folge
unveränderlich beibehalten hat, ist nicht genau zu bestimmen. Hier ist
es, wie mit so vielen anderen Sachen, deren Ursprung völlig unbekannt
ist. Wir können blos sagen, daß es im 12., im 10., auch zu Anfang
des 9. Jahrhunderts, einer also schon sehr nahen Zeit, Hähne auf unseren
Kirchen gab. Die Zeugnisse mehrerer Autoren, welche in diesen drei
Jahrhuuderten geschrieben haben, oder Ereignisse berichten, die zur selben
Zeit geschehen sind, gestatten nicht, hierüber den geringsten Zweifel zu
erheben.

^ Die erste Stelle, auf wclche ich mich berufen will, ist aus dem

tz Werke genommen, wo Guibcrt von Nogent seine eigene Geschichte liefert.
Bevor er Abt des von ihm benannten Klosters wurde, was um 1104
stattsand, wohnte dieser sromme und gelehrte Schriftsteller lange als ein-

sacher Mönch in der Abtei von Saint-Germer. Jn dem Buche, das sein
Leben beschreibt, gefallt er sich darin, die geringsten Begebenheiten zu
berichten, die während seines Aufenthaltes daselbst sich zugetragen hatten.
So beschrieb er ganz genau das Nnglück, das cin Blitz in der Kirche
dieses Klosters veranlaßte.

„Am Vorabende der hl. Märtyrer Gervasius und Protasins hatten sich
Gewitterwolken aufgehäust. Man hörtc schwache Donnerschläge und ein-
zelne Blitze durchzuckten den Himmel. So eben hatten wir uns erhoben,
denn kurz vorher hatte man das Zeichen zur Prim gegeben. Mit un-
gewöhnlicher Schnelligkeit begeben wir uns in die Kirche, dann stimmen
wir nach einem kurzen Gebete das Ocus >ii uckjukorium msum in-
kenckc an. Wir wollten fortsetzen, aber plötzlich wird ein großer Lärm
gehört, und der Blitz schlug in die Kirche. Zuerst schmilzt oder zerstört
er den Hahn auf dem Thurmc, sowie das Kreuz und das Gestell des-
selben, er erschüttert das Holzstück, woran diese Gegenstände besestigt
waren, er reißt die Dachlatten, sie znr Hälfte verbrenneud, trotz der sie
festhaltenden Nägel los, und geht durch das westliche Thurmfenster in
die Kirche. Bald erreicht er das darunter stehende Kreuz und zerbricht
selbeS, nachdem er das Haupt und die rechte Seite übersprang. Diese
Theile verbrannte cr nicht, verzehrte aber so den rechten Arm des Kreuzes
und Christi, daß man blos den Daumen mehr finden konntc."

Weiter wollen wir Guibert in seiner Erzählung nicht verfolgen,
weil dieß unserem Gegenstande frenid ist. Das schwarze Buch von
Coutance, worauf Herr Bouet in dem letzten Bande des Berichtes der
französischen Gcsellschaft verweist, enthält den Bericht von einem Sturme.
Bei diescm Sturme im Jahre 1091 beschädigte 1>erselbe mehrerc
Theile dcr Kathedrale von Coutance, besonderö zerstörte er den Hah»
anf dem großen Thurme. Die Wiederherstellung dicscs Hahnes wird
also erzählt:

„Als der Bischof, traucrnd über das Nnglück, das scine Kirche be-
troffen hatte, seinen Tod herannahen fühlte, schickte er nach England
zum Bleiarbeiter Brisonet. Er ließ mit Blei alle Spalten des Thurmes
verstopfen, die Thürme wieder herstellen und auf den großen Thurm den
vergoldeten Hahn setzen, welchen der Blitz zerstört hatte. Als man ihm
sagte, daß der von Gold strahlende Hahn wieder hergestellt, und an seinem
früheren Drte sei, besahl er, daß man ihn mit beiden Armen und Händen
aufrichten sollte. So in seinem Bette sttzend betete er und sagte Gott
Dank. Dann ließ er sich zurück und sprach: ,Wäre ich früher ge-
storben, so HLtte ich gefürchtet, daß dieser Hahn oder ein anderer der
Art nie hinauf gekommen wäre? "

Wolstan, ein Autor des 10. Jahrhuuderts, spricht in dem Buche
von dem Leben des hl. Sevitz mit schwulstigen Worten von dem Hahne
auf der Höhe des Thurmes, welchen Bischof Elfegus zu Winchester hatte
bauen lassen.

„Ein ausgezeichnet schön geformter Hahn," sagt er, „der ganz von Gold
glänzt, nimmt die Spitze des Thurmes ein; von der Höhe herab beschaut er
die Erde, er beherrscht das ganze Land. Vor ihm zeigen sich die glänzenden
Sterne des Nordens und die zahlreichen Gestirne des Thierkreises. Unter

seinen stolzen Füßen hält er den Besehlshaberstab und er sieht unter sich
das ganze Volk von Winchcster. Dic andercn Hähne sind die demüthigcn
Unterthancn dessen, welchen sie mitten in der Luft schweben sehen, und
welcher mit Stolz dcm ganzen Westen befiehlt. Er trotzt den Windcn,
die Regen bringen, und indcm er sich selbst drcht, bietet er ihnen kühn
das Hanpt. Die großen Anstrengungcn des Wetters erschüttcrn ihn
nicht, mnthvoll nimmt er Schnee und die Windstöße auf; er allein hat
die Sonne am Ende ihres Lauses gewahrt, wenn sie sich ihn das Mecr
senkt, ihm ist gegeben, die ersten Strahlen dcr Morgenröthe zu bcgrüßen.
Der Reisende, der ihn von ferne sieht, heftet auf ihn seine Blickc; ohne
an den Weg zu denken, den er noch zu machen hat, vergißt er seine Be-
schwerden. Mit neuem Eifer schreitet er vorwärts. Jst er auch in Wirk-
lichkeit von seinem Ziele noch ferne, so machen ihn doch seine Augen
glauben, daß er dort sci."

Endlich berichtet nns Ughelli in seinem Buche „Iknliu snoru", daß
noch zu seiner Zeit in Brescia, eincr Stadt des lombardisch-venetianischen
Königreiches, ein Hahn aus Bronze zu sehen war, welchen Bischof
Rampert, das 6. Jahr scines Episkopats (820) gießen und auf den
Thurm stcllen ließ. Darauf stand folgende Jnschrift:

Oominus Uumperkus episoop. LrixiLuus
OnUum Iruuo 6eri prLecepik uu. D. H. II4V.

XUI, UN ookoZeukesimo vi^esimo; iuckietioue
XIII., unuo trausl. 35. clecimo cquurto
3ui episcopLkus vero sexto.

Bedcutung dcr Kirchenhähnc. Die Genauigkcit, womit der
Hahn die Stnnden der Nacht bezeichnet, indem er gewöhnlich zu drci
verschiedenen Malen kräht, in der Mitternacht, um 2 Uhr und gcgen
Tagesanbruch, läßt ihn bei deu Alten als Zeichen der Thätigkeit und
Wachsamkeit betrachten, und ihre Mythologen berichten, daß Alectryon,
Günstling dcs Mars, in diesen Bogel umgewandclt wurde, wcil er, an-
statt an der Thüre des Palastes dcr Venus zu wacheu, wie er hätte
thun sollen, eingeschlafeu war.

Griechen und Römer liebten die Hahnenkämpfe schr. Als Zcichen
des Hasses, womit diese Thiere in solchen Kämpfcn angrifscn und sich
vertheidigten, stellten sie ihn anf ihren Monumenten und Medaillcn dar,
um Unerschrockenheit und kriegerische Krast zu bezeichnen.

Da die Bedeutung deS Hahnes bei den Heiden auf seine Sitten
und Gewohnheiten, auf die Stunde, wo er in der Nacht kräht, gegründet
ist, und selbe nichts Götzendienerisches und Abergläubisches enthielt, so
machten die Christen keine Sckwierigkeit, sie anzunehmen und auf dic
Religion überzutragen. Mehrere Gemälde in den Katakombeii zu Rom
stellen den Vogel dar, der den Sonnenausgang verkündet; steht er dem
hl. Petrus zur Seite, so erinnert cr an die Verleugnung dcs Apostcls.
Zumeist aber bedeutet er christliche Wachsamkeit, Eifer für dcn Dienst
Gottes und das Heil der Seelen.

Gleichc Gründe wie die, welche die allgemeinc Bedeutung des Hahnes
sestgestellt hattcn, machten ihn auch in der Kirche zum besonderen Ab-
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