Österreich / Zentral-Kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und Historischen Denkmale [Editor]
Kunstgeschichtliches Jahrbuch der K[aiserlich-]K[öniglichen] Zentral-Kommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und Historischen Denkmale — 1.1907

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Fig. i Burgundischer Anbänger im Wiener Hofmuseum

Dürer-Studien

Von Franz Wickhoff
I

Die Vorrede von Heinrich Wölfflins gedankenreichem Buche über die Kunst Albrecht
Dürers schließt mit einer absonderlichen Bemerkung. Es heißt dort von Dürer: „Mit den
italienischen Meistern des klassischen Zeitalters kann man ihn nicht vergleichen, weil er
in ganz andere Prämissen hineingeboren wurde, aber am Ende hat er sich doch mit ihnen
getroffen. Es ist die Tragik seines Lebens, daß es am Ende war. Zur vollen Klarheit und
Reife ist er erst gelangt, als sein Blut schon anfing zu erkalten. Er selbst hat sich bei der
Meinung beschieden, der Bahnbrecher einer neuen Kunst zu sein, nicht ihr Vollender."1) Mit
eindringender Untersuchung wird in diesem Buche Dürers unablässiges Bemühen um die fremde
italienische Kunst verfolgt, es wird klar erwiesen, daß seine Gemälde endlich dort einmünden,
wo sich in Italien der klassische Stil des XVI. Jhs. entwickelt. Stand aber das Erreichen
dieses Zieles im Mittelpunkte von Dürers Bestrebungen, nach denen er gewertet werden
müßte, war es nicht vielmehr eine Folge seiner Zeitstellung, der er sich nicht entwinden konnte?
Es ist schon lange bekannt, daß die Komposition seiner Vieraposteltafeln auf Giov. Bellinis
Flügel der Frarimadonna zurückgehen. Dieses Bild wurde 1488 gemalt, sieben Jahre, ehe
Dürer zum ersten Male in Venedig war. Aus dem Jahre 1526 rührt seine Nachbildung her.
Das ist fast vierzig Jahre später. Ein langes Verweilen, das auf alles eher deutet, als auf ein
Fortschreiten in der Reihe von Problemen, der es angehört. Betrachten wir hingegen
die Reihe von der Apokalypse bis zur Melancholie und dem Hieronymus im
Gehäuse, so erscheint uns Dürer in der Kunst des Bilddruckes nicht nur als
Begründer eines neuen Stiles, sondern zugleich als sein Vollender. Man mag die
Übertreibungen der Theorien Sempers von der Formenbeeinnussung durch das Material der
Kunstwerke zurückweisen, immer wird eine solche Verneinung durch die Tatsache revidiert
werden, daß wir in jeder schwachen römischen Replik einer griechischen Statue erkennen,
ob das Original aus Bronze oder aus Stein war, in jeder modernen Photographie eines
') Heinrich WfiLTFIJH, Die Kunst Albrecht Dürers, München 1905, p. VI.

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