Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 3.1850

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Sonntag, den 7. April 1850.

I». Jahrgang




Wochenkalender.
Montag, den 8. Äpril
Das Erfurter Parlament ist noch immer
bis Dienstag vertagt.
Dienstag, den 9 April
Die Sitzungen muffe», La eine beschluß-
fähige Anzahl von Abgeordneten von den
Ostcrfcrienrcisen noch nicht znrückgekchrt ist,
linftireilcn anSgesctzt werden.
Mittwoch, drn 10. April.
Die Ausschüsse weiden in ihrer THLIigkcit
fortfahren.


Wochenkalender.

Donnerstag, den I I. April.
Die AuSsebnffc sind mit ihren Arbeiten
fertig. Das Resultat ist, daß sie der Plenar-
versammlung keinen Antrag vorzulcgcn
haben.
Freitag, den 12. April.
Die Plenarsitzungen beginnen wieder.
Sonnabend, den 13. April.
Das Parlament vertagt sich wegen des
bevorstehenden Pfingstfestes bis nach dem-
selben.

Humoristisch-satyrisches Wochenblatt.

Dieses Bla» erscheint täglich, mit Ausnahme der Wochentage. — Man abonnirk mit I7'^Sgr. vierteljährlich bei allen Buchhand-
lungen sowie bei den König!. Postanstalten deS Zn- und Auslandes. Jede einzelne Nummer kostet l'^Sgr. Die Scdaklion.

Etsch! Etsch! nun ist es -och nicht losgcgangen!
Am 22. März, so meldete die Augsburger Allgemeine — und die AugSburgcr Allgemeine ist fast ebenso allwissend
wie das Ministerium Manteufsel — am 22. März, genau zwei Stunden vor Sonnenuntergang, sollte in ganz Italien ein Auf-
stand der revolutionairen Partei gegen sämmlliche Regierungen loSbrcchen, und durch das ganze Land eine Sicilianische Vesper
gefeiert werden.
Der 22. März brach an. Blutroth ging die Sonne auf, und dürstend lechzte die Erde nach den Strömen Blutes, welche
die AugSburgcr Allgemeine ihr zu diesem Tage verheißen hatte. Immer höher stieg die Sonne. Sie stand auf Frühstück, auf Mittag-
brot, auf Kaffee-Es geschah nichts. — Sie neigte sich zur Vesper — Noch nichts! — Sie neigte sich zum Untergange
— Immer noch nichts! — Sie zögerte zwei, drei Stunden, nur um Oesterreich und die AugSburgcr Allgemeine nicht zu
compromittiren. Endlich war auch ihre Zeit gekommen, und sie theilte das Schicksal der Deutschen Einheit — sie ging unter.
Noch ein scheidender Strahl — noch ein letztes Fünkchen — und sie war unter den Horizont gesunken — Finsternis trat ein — der
Abend begann — die Papiere stiegen — den Spießbürgern ward cS wieder leicht ums Herz — der 22. März war vorüber —
eS war ruhig geblieben — eS war nicht loSgcgangen — kein Tropfen BlutS war geflossen, obgleich der Ocsterreichische Korrespondent
der Augsburger Allgemeinen sich eklich geschnitten hatte.
Am 6. April, so meldete Herr von Manteufsel — und Herr von Manteufsel ist fast ebenso allwissend wie die Augs-
burger Allgemeine — am 6. April sollte in BreSlau und Magdeburg der Aufstand loSbrcchen.
Der 6. April kam. Wie in Italien am 22. März, so ging am 6. April in Breslau und Magdeburg die Sonne auf. Auch
hier schlugen alle Herzen bang dem Tage entgegen. Man frühstückte, aß zu Mittag, trank Kaffee, vesperte, aß Abendbrot —
kurz auch hier alle dieselben beunruhigenden Symptome revolutionairer Propaganda wie in Italien. Auch der 6. April verging, ganz
wie der 22. März. Und der Abend kam — und cS wurde den guten Bürgern wieder leicht umS Herz — und die Papiere stiegen
wieder — und man sah ein, daß die Berliner Enthüllungen nicht weniger werth sind als die Augsburger Artikel.
Die Meldungen zu BillctS für den „Propheten" aber können immer noch nicht angenommen werden.
Kladderadatsch.
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