Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 3.1850

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Charon. (Oberwaffcr-Constabler der Unterwelt am Ufer des Acheron hin-
gestreckt, ist damit beschäftigt, dem lieben Vater ZenS die Zeit zu stehlen und zu
gähnen.) Da lammt ja, ZenS sei Dank, der drollige Keil, der Kladdera-
datsch! Guten Tag!
Klad. WaS giebtS Neues hier?
Char. Beidammt wenig, seit ich die Frankfurter übergesetzt habe!
Kommt vor Jahr und Tag ein Häuf von Seelen — Geister sind« wahrhaftig
nicht gewesen — und der Längste tritt vor und sagt: wir sind gefallene
Größen, gehören zu den Schatte» — setz uns über. Gut sag ich, ihr eikennt
euch, aber daS Fährgeld? — Hier, sagt der Edle, was von unfern Diäten übrig
geblieben! — Ich setze sie also über — drüben aber vor den Richter» ists ihnen
übel gegangen.
Klad. Wie so?
Char. Ich habe das Ding in Verse gebracht, die Könige haben die
Noten erdacht. Mcicrbccr hat die Musik gemacht — nun höre zu und
Hab- Acht!
(Er stngt) Weil Jrion-Gagern in frevlem Gelüst mit der VolkSsouvcrainität
geäugt hat, und mit ihr das Goth'sche Centauren.Geschlecht, halb Pferd, halb
Menschen gezeugt hat, ward er dort unten geflochten aufs Rad und gerädert
mit kühnen Griffen; — der Radcbrcchcr von Heppenheim — wie hat ec
da gepfiffen! — Der Simson-TantaluS schwimmt in der Flulh salzloser
Reden verschmachtend und nach dem süßen Reichsäpfel-Gericht, Kopf oben,
vergeblich trachtend — dem Vincke ist gar ein schweres Werk: stets Grund
zu schöpfen beschieden; doch ist sein Rechtsbodenlccres Faß — das Faß der

Danaiden. Der Dyhrn, der Matthv und Soiron die sollte» hier sein
verschwiegen, der vielgcwiegte Beekcrath soll'! ewig sich selber wiegen.
Der Basserman» wird von Gestalten geplagt und MoSlc bleibt in der Tinte,
es schwimmt der Jordan u»s:L! umher als rerchs-marinirtcr Stinte. —
So triebe» es All', es lachten der Qual die nntcrirdischen Fürsten. Dies ist
das Lied, o Kladderadatsch, von Franksnrt'S Gothischcn Würsten.
Klad. Schön, aber wie ist'S gekommen, daß die ganze Gesellschaft wieder
auf die Oberwelt gelang? und Berlin und Erfurt unsicher machte?
Ehar. Ja sich, die Leute wollten durchaus wieder hinauf; da haben sie
sich denn mit dem Dreikops Cerberus abgefunde» und sind entwischt.
Klad. Ist denn kein Stuttgarter hier gewesen?
Char. Nein, die gehören noch nicht zu den Schatten! ein paar Seelen
hat man mir zwar herunterbegnatigt, aber ihie Geister leben droben noch fort.
Klad. Wie stets »nn mit den Erfurtern?
Char. Siehst du nicht dort die Leute, die sich ängstlich suchend umhertreiben
am User? — Bei uns ist'S alter Brauch: Wer ke,n Fährgeld hat, oder auf
Erden keine Grabstätte gefunden, der muß ewig umher irren als ein
Schalte» an de» Ufern des Acheron.
Klad. Wirst du denn kein Erbarmen üben?
Char. Ich rechne darauf, daß sie im Monat Juni sieber und für immer
begraben weiden. Dann, ja dann — denn das Parlament wird am LV.Juni
zuiammcnberufcu — dann will ich sie zu den Schatten werfen!
kladderadatsch.

Feuilleton.

Das Preußische Volk
a» Len
Trcubund mit Gvtt für .skv»i,z und Vaterland.
Sic haben allerwerthestc Herren vom Trcubund mit Gott für König
und Vaterland einen Ausruf an mich erlassen, worin Sic mich ausscrdtin,
„nicht bloS jede» Urheber, jeden Mitarbeiter, jeden Verlhcidiger,
jeden Käufer, sonder» an» jeden Leser der schlechten Presse durch
Wort, Schrift und Thal, zu jeder Zeit und an jedem Orte, der
öffentlichen Verachtung preiSzugeben — und zwar wo möglich noch
heute, da cs morgen vielleicht zu spät ist."
Genehmige» Sic mit dem ungehcucheltcn Ausdruck meiner aufrichtigen
Freude, Sic, meine Allciweithcstcn, immer noch frisch, gesund und — z»
sehen, zugleich meinen herzlichsten Dank für Ihren freundlichen Schrcibcbrics,
dessen Verfasser, wenn nicht alles mich trügt, höchst sittlich und versöhnlich den
langen Stiel seiner ritterlichen Stahlfeder auch dies Mal wieder in das
laue Wasser milder Armen suppen getaucht hat.
Sic haben ganz Recht, meine Allerwcrthcstcn: „Ausrottung und Ver-
tilgung der verderblichen Erzeugnisse der schlechte» Presse sei die
Pflicht jedes wahren VaterlandSfrcundeS," natürlich nur, „so weit er
Macht und Gelegenheit dazu hat." Ja wohl! „Gebrandmarkl von der
öffentliche» Meinung sei jeder Staatsbürger, inbesondere jeder
Beamte und Lehrer — mir ganz a»S der Seele gesprochen — und „gleich
einer heiligen Vehme walte die öffentliche Meinung überall da,
wohin der Buchstabe de« Gesetzes nicht reicht!"
Nicht lief genug könne» diese goldenen Worte ins Herz jedes Beamten ge-
schrieben werden; und mit der größte» Pünktlichkeit werde ich mich beeifcr», Ihre
geneigten Aufträge zu cffceluircn und fernere Bestellungen ergebenst entgegen zu
nehme,i. Mil dem aufrichtigsten Bedauern aber würde cs mich erfüllen, wenn,
Sie meinen, daß cS wirllich morgen schon zu spät sei» sollte. Morgen stände
sch mit Vergnügen zu Diensten, — morgen will ich die schlechte Presse gern auS-
rottcn und vertilgen; heut aber ist es mir beim besten Wille» rein unmöglich.
Für beul bin ich schon ,» sehr in Anspruch genommen; denn heut ist Sonntag,
und da lese ich nothwendig den

Herr Do. Hersch, was die „Vierhundert vor Pforzheim" umgc-
gebrachl hat und in die „Ncucncn Nachrichten" macht, was keiner Partei
ßu nahe treten will, ist jetzt auf ein Mal der wüthendstc Verlhcidiger Germa-
nischer Sitte und Christlicher Religion gegen die vermeintlichen Angriffe
der Demokialcn geworden. Gcrmanenlbum, Christen!!,»,» und — Hersch! Wenn
der Mensch wenigstens »och Hirsch heißen wollte! Aber Hersch?! Pfui! I»
diesem Namen liegt ja ei» ganzes Magazin alter Kleider und unabge-
sctztcr Loltcricloosc!


Schnitze. Ne, Müller, da schickt mich der Mensch der Sitlenfeld alle
Dage so',. Wisch zu, wo drus steht „N eucstc Nachrichten;" un wenn ick drin
lese, denn sicht weiter irisch! drin, als wat ick schonst seit 'ne Woche in alle
andern Zeitungen gelesen habe.
Müller. Du meenst wol die Neuesten Nachrichten aus de», Reiche JotteS,
von Elsncrn, die immer „so eben d,e Presse verlassen haben."
Schultzc. Ne, ick meene die von Hersch',,.
Müller. Von Hersch»? Und da kannst du dir noch wundern? Wenn
Eener schon Hersch heißt, denn kannst de ooch schonst denke», deß er bloS mit
alte Sachen zu thun hat.
Man meldet uns ans Oesterreich, daß Havnau neulich einen Toast auf
„Vernichtung der verdammten Pickelhauben" ausgebracht, und Heß
auf „die baldige Wiedereroberung Schlesiens" getrunken habe.
Wenn im Weine Wahrheit ist, da»» kann dieses Österreichische Helden-
thui» seine Begeisterung sich höchstens in Schnaps äuge soffen haben.

kladderadatsch.
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