Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 35.1882

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dreifach von Erze war der Riesensarg,

Von lautrein Gold und Silber und von Eisen,
Darin man einst den Leib des Königs barg,
Deß' Name» heut noch tausend Lieder preisen.
Als Gottesgcißel durch Europa drang
Er stegreich vor in ivildcni Schlachtgemehel;

Und wo er zornig Schwert und Geißel schwang,
Da schlug er Tooeswunden — König Etzel.

Die Stätte findet längst schon Keiner mehr,

Da man versenkt der Hunnen grössten Helden,
Ter niächtig einst geherrscht von, Fels zuni Meer,
Wie uns der grauen Vorzeit Bücher melden.

Im Land der Römer, in der Gothen Staat
Mit seinen Schaarcn haust' er sonder Schone»,
Gleich wüth'gem Sturm; das Hunnenroß zertrat
Die Fluren und die Leiber der Teutonen.

Erbebe, Welt! Vernimm, Germai
Was heut das Blatt der Russen di
Erstanden ist der „neue Attila"!

Zum Kriegsbrand ist die Fackel schon entzündet!
Held Skobclew steht schon bereit zum Sprung;
Bald wird, gleich Schnitter Tod, den Arm er heben,
Und vor der blnt'gen Sense mächt'gem Schwung
Wird der Teutonen bleiche Schaar erbeben.

Und wie sich einst vor Attilas Gewalt
Gebeugt der übcrmüth'gen Herrscher Nacken,

So beugen sich auch Deutschlands Fürsten bald
Vor Skobclew, dem Führer der Kosaken!
Gleich Etzel wird er der Teutonen Flur

Wohin"e?tiM^d"'hcrr>^ ’

Und soll Erschlagncr Blut 31111t Himmel dampfen !

Und jubelnd rufen wird Herr Jgnatjew
Verherrlicht sei durch Wort und Bild und Weiß,,
Und durch der Popen Sang Held Skobclew
Der Völker Schreck, die „neue Gottesgcißel"!
Ja, leben soll er ewig im Gedicht,

In unsres Slavenvolkes heil'gen Liedern!
Erzittre, Deutsch la nd! - Wie? Du zitterst nicht,
Du lächelst noch? WaS hast du zu erwidern? '

„2dl denke nur: wenn einst auch sein Gebein,

Man würde doch als Grabesinschrift lesen:

Hier ruht der Ruhm und Stolz des Slavenschwertz
Der sich ein Attila gedünkt hienieden;

Hier schläft, verschlossen von dreifachem Erz,
Der Erznarr Skobclew. Er schlaf' in Friede

Whlichr Lrhrrn für ProWrrn und Solche, die es lorrdrn mollrn.

Unter gewissen Bedingungen ist der Eintrttt in
den Uculzstag zulässig.

Es prickelt dich — gesteh' eS ein —

Dn möchtest Rcichstagsmitglied sein.

O, das ist bös! Tritt schnell zurück;
Glaub' nur, es bringt dir nimmer Glück.
Ein Ausweg bleibt dir nur; id, will
• Ihn zeigen dir, folg' fromm und still.
Kommst in den Reichstag du, geschwind
Frag', wo die wacker» Männer sind,

Die sid) zum Schutzpatron erkoren
Den heil'gen Knobloch. Unverfroren
Tritt unter sie und sehe bieder
Sans phrase dich unter ihnen nieder.
Wenn die Regierung Etwas will.

So sage „Ja!" und dann schweig' still.
Dod) geht — cs sollte gar nicht sein,

Doch kommt es vor — ein Antrag ein
Vom Schwarm der liberale» Dränger,
So sage „Nein!" »nd schimpft länger.

So kannst du — gern räum idi cs ein —
And, wohl im Reichstag nützlich sein.

Wer zur Opposition geht, ist verloren.
Verloren bist d» ganz, mein Sohn,
Schlägst du did, zur Opposition.

Gar Äiele sind in diesem Orden,

Die grau in Sünden sind geworden,
Von diesen lernst in kurzer Zeit
Dn jede Falsch, und Schlechtigkeit.
Bald wirst du höhnisch kritisire»,
Minister ärgern, stets »egiren,

Politisch Brunne» gar vergiften
Und unbegränztes Unheil stifte».

Eh' noch ein Drittel der Session
Vergangen, mein verlorner Sohn,

Ist dein Charakter rninirt —

So geht'-s, wenn man politisirt!

Ein Eonflict mit dem Kanzler bleibt nicht ai

11 Vaterland zum Heil und Nutz soll
Man sich bekehren gleich zum Schutzzoll!" —
Dn kannst das Ding so schnell nicht fassen,
Denn etwas Zeit mußt du dir lallen
Zum Denken. Drum im Wahlverein
Fängst du ^gcwalUg^an ^1 schrei'»,

Beutst du dem'Kanzler grimme Fehde.

NUN kommt's! ES reißt der Zorn did> fort,
Du brauchst ei» kräftig offnes Wort,

Für das vielleicht ein kluger Mann
Dich vor Gericht belangen kann.

Dem Kanzler wird eS hinterbracht;

Die Feder taucht er ein mit Macht

Und schreibt in Zügen groß und klar
Sei» „Otto" auf das Formular.

Tags dranf wirst du —jetzt kommt derSd>aden—
Schon zur Vernehmung vorgelade».

Der mildere Fall.

NI Gericht bestellt ;
Indern Uebelthütern

M

Man fragt dich': Wann? Wie?' Wo'

Und eifrig mußt du dich bestreben „
Recht deutlich Antwort drauf zu geben.
Man stirbt davon zwar nicht — 0 nein! -
Doch amüsant soll'-; auch nicht sein.

Arg wirst du oft dadurch gestört,

Wenn deine Zeit dir etwas werth.

KÄ ..

6 m .



Hier ge.

Weh aber, wen», w..

Tu schließlich doch wirst conl
Gar höflich wirst dn dann gebeten,

Etwelche Wochen ruhig nach.

Stoch mehr wird dir die Hast vergäll
Wenn in die Zeit ein Hofball fallt.
Denk' nur: indeß die Herrn College»
Sich am Buffet vergnügt bewegen
Bei Gänseleber, Sect und Hummer,
Da sitzest dn in stillem Kummer
Bei deinem Süpplein, das verstockt
Dn selber dir hast eingebrockt!

Vor Allein warn' ich dich zun, Schluß:

,?Wic kommt man mir mit solche» Klage» t

Deutschland', ßuropn''»iib*man stört
Mich jetzt mit solchen Kleinigkeiten?" -
Um Gottes willen, lern' bei Zeiten
Den allzu starren Sinn zu beugen,

CS wird sonst ein Proceß erzeugen
Den andern. Rede niemals wieder
Und — lege dein Mandat flugs nieder!
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