Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 35.1882

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Geschäft, -» iljncu sich jurecftt und mit ihnensich abzufinden, nimmt feinen
Anfang. Möge» uns i» letzter Stunde noch einige Bemerkungen und
Fingerzeige gestattet sei», durch welche vielleicht eine glatte und allseitig
befriedigende Wwickelung des Ganzen nicht unwesentlich gefördert wird.

ist auch hier: Aufrichtigkei t. Niemand, der Com in issionS-
eS gern: in diesem Fall darf cä aber nicht verschwiegen
." -.— Dichter. Der,Maler,

reitet und den Vers drechselt, bekenne sich offen dazu! Hiuzufügen mag er
in Klammer, ob er Dichter ersten oder zweiten Ranges, ob er epischer,
lyrischer, tragischer oder Possendichter ist. Auch Senker und Henkers-
knechte fuhren nicht leicht Visitenkarten, auf denen ihr Beruf angegeben
ist- Vor dem statistischen Amt aber gilt leine Verschleierung der Thalsachen.
Der Bauchredner darf sich nicht überhaupt Redner, der Kautschukmann
sich nicht Künstler im Allgemeine», der Pudelscherer sich nicht Friseur
nennen. Der berufsmäßige Diplomat und der Mimiker müssen ihren
Beruf genau angeben, der Börsenfürst muß sich als solchen in die Listen
eintragen. So ist auch, wer mit Quacksalbe bandelt, ein Quacksalber
und darf auf der Zählkarte nur unter diese», Titel fignriren.

Alle diese Berufs- und Erwerbsarten zählen zu den verhültuißmäßig
ehrliche» und anerkannte»; cS giebt aber auch solche, von denen dies nicht
behauptet werden kann. Auf der Grenzscheide zwischen beiden stehe» der
Wahrsager und die Wahrsagerin, der Wetterprophet, der Spiritist,
der gewöhnliche Zauberer und die Here. Bei diesen ist es wenigstens
nicht leicht fcstznstellcn, was an ihnen reell und was nickst reell ist.

Mehr in das offenkundig Unehrliche falle» andere GewerbSarte», die
doch auch statistisch registrirt werde» müssen, damit man erfahre, wieviel
Personen in, Vaterlande sich (Sanieren solcker Art zürnenden. Dahin ge-
hören: der Einbrecher von Beruf, der Hochstapler, der Flatterfahrer,
der Pennbruder, der Leinwandnepper, der Johlegänger, der ge-
meine Strolch. Bei allen diesen Herren muß bei der Eintragung in die
Formulare sehr darauf gesehen werden, daß sie die Specialität ihres Berufes
• . Das ist Sache der Zählungsrevisoreii, die besonders bei
. ... Aufnahme des Strolchbestandcs einer Umgegend wohl darauf

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^,ue|iu|u)t, uvuu uuu outiciii uitl weniger ,.
werden die Strolche von Hause aus nicht geneigt^ sein, ihren Beruf und

-| s- ffl—ifor ien rauh,

Und besonders vorsichtig sei c

n weiblichen Geschlecht gegenüber, wo es sich u>u Aufnahme e

sten Bemfs handelt, damit er nicht in e- .

absäume oder gar für immer von der Bll
Wohl zu unterscheiden ist zwischen dem, was man als wir
betreibt und Demjenigen, wozu man sich ,ur berufen hält.
Ersten ist in das Formular einzutragen. „Volksbeglückcr"

...

verabsäume oder gar für immer von der Bildfläche verschwinde.

unterscheiden ist zwischen dem, was mau als^ wirklichen Beruf

Verbesserer" sind keine vor dem 'statistischen Amt" als solche geltenden
Berufsartc», ebensowenig „Politiker", „Schwärmer", !„ apecis „Nacht-
Schwärmer", „Frömmler", „Nihilist", „Antisemit". „Trinker",
„Schnupfer" und „Raucher" sind keine Berufe, „Raucher" wenigstens
vor Einführung des Tabaksmonopols noch nicht. Nachher ist es ja möglich,
daß besoldete Raucher angestellt werden. „Schreiber" ist ein Beruf, aber
nicht „Leser". „Pflastertreter" und „Bummler" sind keine Berufe.
„Großvater", „Hausfreund", „Erbonkel". „Tante" (ausgenommen
„meine und deine Tante"), „Jubelgreis" und „Lebemann" sind ehrenvolle
Stellungen, zähle» aber nicht zu den Berufsarten. „Schautenköuig" ist

Hazardspiel. Oder: X. X. Rentier übrigens Wucherer. Die Bezeig
uung „Wucherer" muß in den, betreffenden Fall unter alle» Umständen
gewählt werden, da eine andere, z. B. „Cravatteiifabrikant" oder „Hals-
abschneider" leicht zur Eintragung in eine falsche Rubrik (Seiden-
waare».Branche oder Scharfrichterei-Wesenj führen würde. Wer gar-
»ichts ist »ud auch kein Nebengewerbe betreibt, macht an der betreffenden
Stelle einfach eine Null und überläßt das Weitere de», statistische» Amt.

Sehr viel Gewicht wird auch bei der Berufsstatistik auf die Angabe
gelegt, ob Jemand eine Bodenfläche cultivirt, sie möge so klein sein, wie sie
wolle. Doch kommen der gewöhnliche Blumentopf und die Cigarrenkiste, in
der Petersilie oder Schnittlauch gezogen wird, dabei nicht in Betracht. Der
Hausschwan,in, auch wen» er auf, den, Boden vorkommt, wird nicht als

Culturgewächs betrachtet. Ebenso sind der Hängeboden und der Ha,
mit dein, was auf ihnen wächst oder nicht wächst, vorläufig »och r
statistischen Berechnung ausgeschlossen.

Nur wenn die Zählnngsformulare so genau, so gewissenhaft und so
richtig wie möglick, auSgefülit werden, kau» die Berufsstatistik einen Nutzen
davon haben. Vor Alle», darf Niemand vergessen werden, auch der Eremit
nicht, der einsam in der Felshöhle horstet.' Wie so,, es sonst ans Lickt
kommen, wieviel berufsmäßige Klausner, Eremiten oder Einsiedler es noch
in Deutschland giebt? Mögen unsere Bemerkungen und Fingerzeige zum
Gelinge» des Ganzen das Ihrige beitragen. Und nun frisch hinein in das

■-'-■iX] Zwei Blätter aus dem Tagelrnche des Grafen Beult.

I.

■So bin ich beim des Amtes bar und aller Sorge» ledig.

Der Allerhöchste Abschied war zu meinem Trost sehr gnädig.

Ich brauch' nicht mehr a» das Arbeitspult mit rege», Fleiß zu schreiten;
Ich darf nun ruh'u durch des Schicksals Huld „nd denke vergangener Zeiten.
Wo seid ihr, denen einst gleich mir der Hoffnung Becher schäumte ?

Mit denen ich, begeistert schier, großdcutsche Träume träumte?

Verstorben und begraben schon fast all' die liebe» Consortei,!

Ins bcff're Jenseits längst entfloh'» der Borries und von der Pfordteu!

Was ich mit euch in feste», Verein erstrebte, ist all vergessen.

In tiefem Schmerze gedenke ich dein, o Dalwigk aus Großhesscn!

Nur zwei Collegcn sind noch nicht gebettet zur Rast, zu kühler:

FLs athmen noch im rosigen Licht der Schmerling und Varnbüler.

Der Eine steht, mit Deutschen vereint, des Rechts und des Deutschthums Pfleger;
Der Andre, einstmals Bismarcks Feind, ist heute sein Schleppenträger.

Ja, Schlepp' und Schild trägt er heut nach dem Fürst, der mit wucht'gciii
Schlage

Ein Ende bereitet hat — o Schmach! — dem herrliche» Bundestage. —
O Bundestag, so rufe ich laut, ein klagender Jeremias,

Da ich mit meinem Freunde gebaut einst au der Deutschen Trias! —

Und denke ich au der Trias Fall, dann werde ich trüb und trüber. —

Ihr Bilder holder Erinn'ruug all, vorüber — vorüber, vorüber!

II.

2,h habe gedient pro pairia genau ein halb Jahrhundert,

Und ward in Ländern, fern und »ah, gehaßt, doch auch bewundert.

Als über Sachsen noch unbegrenzt sich dehnte der Tyrannei Nacht,

Da Hab' ich schon in Dresden geglänzt als Stern der blutige» Mainacht.

Gebändigt wurden auf mein Geheiß die NeichSverfassuiigs-Rebellen.
Unheimlich heimlich flüstern leis von mir »och Waldhcim'S Zellen.

Doch.nie that nach Despoten Art ich mir in Schrecken gütlich:

Stets Hab' ich Streng' und Milde gepaart; ich war sogar gemüthlich.

Ich liebte zwar als Intrigant das Nänkeschniiede» und Wühlen;

Doch war ich überall bekannt als Mau» von noble» Gefühlen.

Ich habe redlich mich bemüht an manchem fürstliche» Hofe,

Und war — ihr wißt — in Nord und Süd beliebt bei Herr» und Zofe.

Auch Verse schrieb ich anmuthvoll; gereimt mit Kunst ä la mode,

Ich Hab — verzeih' mir'S Gott Apoll! — gedichtet auch manche Lde.

Auf OestreichS Wohl Hab' ich geleert als Redner manchen Schoppe»

Und war — 2' ist lang her — einst geehrt bei Männern der Jacken und Joppen.
Und heut? - Fahr' hin, Botfchasterthui»! — Wer ahnt des fati?

Großdeutschlaiid — Träume — Glanz und Ruh», — lebt wohl denn!

Tempi passati!

Kladderadatsch.

j Ich Hab' auch Walzer coniponiri und andre nette choscn
Trotz Strauß, und Hab' sie dedicirt dem Volke der Franzosen.
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