Doktor August Klipstein, Vormals Gutekunst und Klipstein <Bern> [Editor]
Moderne Graphik der Sammlung Heinrich Stinnes: Aquarelle, Handzeichnungen, Radierungen, Lithographien, Holzschnitte ... ; 20. bis 22. Juni 1938 — Bern, 1938

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VORWORT

Heinrich Stinnes war einer der wirklich grossen Graphiksammler; in seiner Art mit
denen des 17. und 18. Jahrhunderts zu vergleichen, nur dass er sich nicht mit den alten Mei-
stern, sondern ausschliesslich mit den Modernen beschäftigte. Sein Ehrgeiz ging dahin, sich
ein umfassendes Bild der gesamten Produktion seiner Zeit zu verschaffen, und in seiner leiden-
schaftlichen Besessenheit (ein Wesenszug aller grossen Sammler) scheute er keine Mühe und
keine Ausgabe, um in den Besitz grosser Stücke und grosser Seltenheiten zu gelangen.

Ein besonders schöner Zug seines Wesens war das Teilnehmen an der Arbeit der jungen,
vielfach noch ganz unbekannten, deutschen Künstler. Er wusste, was im Augenblick überhaupt
geschaffen wurde. Er erwarb die Arbeiten der Jungen und unterstützte sie. Es war die Zeit
des grossen Krieges und der Inflation. Nicht allein der materiellen, sondern noch mehr der
geistigen Not des damaligen Künstlertums, der geistigen Avantgarde der Zeit, wusste er durch
seine grosszügigen Ankäufe zu steuern und zu helfen. Die Künstler fanden in ihm eine Re-
sonanz ihrer Bestrebungen. Er sammelte sie alle in ihren Arbeiten. Ob wahllos? Das ist die
Frage. Ich glaube es nicht, denn Stinnes war so klug, zu wissen, wie schwer es ist, Abstand
zu den geistigen Fragen seiner Zeit zu gewinnen. Ihm war bewusst, dass sich unter der un-
geheuren Menge seines gesammelten Materials das beste seiner Zeit befinden musste, und
dass dasselbe ganz von selbst im Laufe der Jahre bei zunehmendem Abstand sich heraus-
schälen und die Spreu sich vom Weizen scheiden würde.

Nachdem in den letzten Jahren die verschiedensten Gruppen der Stinnesschen Sammlung
zur Versteigerung gekommen sind, bringe ich im folgenden Verzeichnis die Abteilung der
modernsten deutschen Graphik, die man kurz als die Graphik des deutschen Expressionismus
bezeichnen kann. Heute sind die vielen Mitläufer der Bewegung, die seinerzeit wie ein
wildes Gestrüpp den « Blauen Reiter» umrankten (es sind entschieden wesensverwandte,
mystische Züge mit der « blauen Blume » der Romantik vorhanden), als solche erkannt worden
und als dürre Blätter des deutschen Lebensbaumes zur Erde gefallen. Geblieben sind Namen
wie die von Barlach, Campendonk, Corinth, Heckel, Kandinsky, Klee, Kirchner, Kollwitz,
Marc und Macke, die in ihren graphischen Arbeiten hier ganz besonders reichhaltig vertreten
sind:

Paul Klee, seinem Wesen entsprechend, mit einer reichen und vielseitigen Reihe von
Aquarellen, Campendonk und Franz Marc mit ihren in Frühdrucken äusserst seltenen Holz-
schnitten, Wassily Kandinsky mit vielen abstrakten Kompositionen. Ernst Ludwig Kirchner

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