Koepplin, Dieter ; Falk, Tilman; Cranach, Lucas [Ill.]
Lukas Cranach: Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik ; Ausstellung im Kunstmuseum Basel 15. Juni bis 8. September 1974 (Band 1) — Basel , Stuttgart, 1974

Seite: 413
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VIII. Zum späten Cranach

/. Cranachs «.Judith» in der Sammlung des Jagdschlosses Grunewald
(Helmut Börsch-Supan)

In einem kurzen, im Literarischen Wochenblatt von 1820 erschienenen Artikel
über die Sammlung des englischen Kaufmanns Edward Solly in Berlin nennt
Johanna Schopenhauer von den 11 Gemälden, die sich unter dem Namen Cra-
nachs dort befanden, nur eines: «Lucas Cranach starb 1533 in Weimar. Besonders
schön von ihm ist hier eine Herodias, die dem Haupte des Johannes einen Nagel
in den Kopf schlägt1.» (Nr. 286)

Diese fehlerhafte Notiz ist die früheste Erwähnung des heute im Besitz der
Staatlichen Schlösser und Gärten in Berlin befindlichen2 Bildes, dessen Pro-
venienz sich nicht weiter zurückverfolgen lässt. Wenig später - 1821 - korrigierte
sich Johanna Schopenhauer in ihrem Buch «Johann van Eyck und seine Nach-
folger»3. Sie führt das Bild als Darstellung von Jael und Sisera auf, vermutet
als Modell eine Weimarer Bäckerstochter und bemerkt als charakteristisch die
leidenschaftslose Behandlung des dramatischen Stoffes, eine treffende Beobach-
tung, für die sich erst jetzt die Erklärung fand. Die Geschichte von Jael und Sisera
wird im Buch Richter (4, 17-24) erzählt und kommt sonst bei Cranach nicht vor.

1821 erwarb Friedrich Wilhelm III. von Preussen die Sammlung Solly. Die
für bedeutend erachteten Bilder, darunter sechs der elf Cranachs, bildeten zu-
sammen mit der ebenfalls neu erworbenen Sammlung Giustiniani und einer Aus-
wahl von Gemälden aus den königlichen Schlössern den Grundstock der 1830
eröffneten Berliner Gemäldegalerie. Die weniger wichtigen Bilder Sollys ver-
blieben in den Schlössern, unter ihnen auch «Jael und Sisera». In einem Inventar
von 1825 ist das Bild als Kopie eingestuft, obgleich es rechts unter dem Fenster
mit der Schlange und der Jahreszahl 1530 bezeichnet ist. Gustav Friedrich Waagen
führt es in seinem Inventar der Sammlung Solly von 1832 ebenfalls als « alte Copie »
und als «Bildnis einer Prinzessin» auf4.

Eine Aufwertung erfuhr es 1851 durch Christian Schuchardt5, der die
Eigenhändigkeit wieder anerkannte. Er beschreibt es als «gutes Bild, das aber sehr
beschädigt und übermalt scheint». Die späteren Cranachforscher schlössen sich
der Meinung Schuchardts über die Autorschaft zwar an, besondere Beachtung
hat das Bild jedoch nicht mehr gefunden.

Den Anstoss zu einer intensiveren Beschäftigung mit ihm gab erst kürzlich
Werner Schade. Ihm fiel vor der Abbildung als ungewöhnlich auf, dass die
senkrecht gespaltene Holztafel unten durch einen Streifen verlängert worden war.
Eine Untersuchung im Restaurierungsatelier der Schlösserverwaltung ergab fol-
genden Befund: Die originale 74,5 x 55,6 cm grosse und 5 mm starke Tafel aus
Rotbuche6 ist durch einen 6,1 cm breiten und 1,6 cm dicken Streifen aus Ahorn-
holz zweifellos in späterer Zeit angestückt worden. Die Verbindung geschah
durch Vernutung und Verleimen, wobei an der originalen Tafel 6 mm der Ober-
fläche mit Malerei ca. 21/2 mm tief zu einer Feder abgearbeitet wurde, die in die
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