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Der Kreis: Zeitschrift für künstlerische Kultur ; Organ der Hamburger Bühne — 7.1930

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Nr. 3 (März)
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https://doi.org/10.11588/diglit.43618#0163
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Zeitschrift für künstlerische Kultur
Siebenter Jahrgang

Drittes Heft

März 1930

Hölderlins Fragmente
Von Eduard Thorn
TJ'rst unsere Zeit ahnt die ganze Tiefe Hölderlins, Feinsinnige
■‘-'Forscher haben während der letzten beiden Jahrzehnte für die
Erkenntnis dieses großen Lyrikers Mauern niedergerissen, Quellen
freigelegt.
Unter ihnen muß der Name des im Krieg gefallenen Norbert
v, Hellingrath an erster Stelle genannt werden. Er begann unter
Mitarbeit von Friedrich Seebaß die große kritische Ausgabe von
Hölderlins Werken, die der Verlag Georg Müller herausbrachte
und deren größtes Verdienst in dem noch von Hellingrath besorg-
ten vierten Band (1916) besteht. Er enthält die neu entdeckten
Fragmente und die Lesarten zu den späteren Hymnen des Dichters.
Hölderlin hat sie in einer Zeit beginnender Verdüsterung des Geistes
auf das Papier gewühlt. Vieles von ihnen wird ewig Rätsel und
dunkles Lallen für uns bleiben; vieles aber können wir unserm Ge-
fühl erschließen durch Zusammenfügung oder Trennung wirrer
Zeilen, durch Ergänzung offenbar nur flüchtig fortgelassener Worte,
durch eine Nuancierung der Satzzeichen,
Manches wurde schon gedeutet. Der Name Rudolf v, Delius sei
genannt. (Die literarische Gesellschaft, Hamburg 1918, Heft 6.)
Neue Augen werden neue Dinge sehn.
Es hat nicht an Gegnern dieser Methode gefehlt, Seebaß selber
kritisierte Delius durch die Worte: ,.Willkürliches Umspringen und
unkünstlerische Änderung der späten, von Hellingrath veröffent-
lichten Bruchstücke.“ (Hölderlin - Bibliographie, München 1922,
S. 63.) Was den Vorwurf ,,unkünstlerisch“ betrifft, so muß Delius
in Schutz genommen werden. Über die Berechtigung einer gewissen
Willkür kann man verschiedener Ansicht sein. Jedenfalls ist die
Verlockung sehr groß, aus dem wirkungsloseren Teil der Hölder-
bnschen Fragmente doch noch einige Edelsteine herauszuschleifen.
Eine pietätlose Fälschung kann dabei um so weniger in Frage
kommen, als die Urtexte ja durch Hellingrath und Zinkernagel
(Hölderlins Werke Bd, V, Leipzig 1926) jetzt dem Liebhaber be-
quem zugänglich gemacht worden sind.

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