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Der Kreis: Zeitschrift für künstlerische Kultur ; Organ der Hamburger Bühne — 7.1930

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Nr. 10 (Oktober)
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https://doi.org/10.11588/diglit.43618#0619
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DER KREIS
Zeitschrift für künstlerische Kultur
Siebenter Jahrgang

Zehntes Heft

Oktober 1930

Unruh und George
Dichter an der Wende der Zeit
Von Rudolf Ibel
I,
Unruhs Tragödie „E i n G e s c h 1 e c h t“ ist einzigartig in der deut-
schen dramatischen Literatur, Nur einer hat ein Spiel ähnlicher Art
geschrieben, Heinrich von Kleist die Penthesilea, In der Penthesilea
wird die „unheilvolle Seite der Natur“ (Nietzsche) lebendig und ge-
staltet ihr Schicksal zur dionysischen Tragödie, Kleists Werk wäre
so das tragische Kultspiel einer dionysischen Religionsgemeinschaft,
wenn es eine solche gäbe. Das andere Kultspiel jener imaginären
Gemeinde ist „Ein Geschlecht“, Es ist die Gestaltung des tragischen
Erdmythos; ein „Seelensturm der Erde“ tobt in und durch jenes
Geschlecht, dessen Schicksal sich auf der Kirchhofhöhe erfüllt. Das
Leben einer Mutter mit ihren vier Kindern wird aufgewühlt durch
die Gewalttat des Krieges zu neuer blutiger Geburt, „Unseliges
Weib, gesegnet und verflucht , , , Wer faßt Natur, die solchen Zwie-
spalt schuf,“ Die Einheit der mütterlichen Schöpfung vernichtet sich
im Kampf der Kinder gegen ihre Gebärerin, So legte die Kriegs-
erschütterung die Tragik einer Welt bloß: die Selbstvernichtung von
Kräften im Kampf gegen ihren Ursprung, gegen das Gesetz der
Erde, Der Kampf einer Mutter mit ihren Kindern wird zum Kampf
der Mutter Erde um ihren gebärenden Sinn; das Rätsel der Großen
Mutter wird im Schicksal jenes Weibes für die Welt gelöst: „Was
ich jetzt tu, heißt an die Erde klopfen. Hier sitz ich und beschwöre
ohne Formeln das Herz, das hinter aller Schöpfung schlägt,“ Doch
dieses Herz der Schöpfung schlägt in ihr, deshalb mündet in sie das
Schicksal dieser Schöpfung: in den alten Formen vernichtet zu wer-
den, um in ewig-neue Formen zu wachsen. Das ist die Tragödie
der Mutter: Von ihren eigenen Kindern in ihrer Daseinsform ver-
nichtet zu werden. Der Seelenraum ihres mütterlichen Lebens wird
Stück für Stück durch den nihilistischen Ansturm des ältesten
Sohnes im Bunde mit der Tochter abgetragen: Gatten- und Kinder-
liebe, Frömmigkeit und Opfersinn, Demut und Weltvertrauen, Vater-
land und Heldentod, alle seelischen Mächte, die ihrem Leben Sinn

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