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Der Kreis: Zeitschrift für künstlerische Kultur ; Organ der Hamburger Bühne — 7.1930

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Nr. 11 (November)
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https://doi.org/10.11588/diglit.43618#0691
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Zeitschrift für künstlerische Kultur
Siebenter Jahrgang

Elftes Heft

November 1930

November’
Von Gustave Flaubert
Ich liebe den Herbst; die Jahreszeit der Trauer stimmt gut zu
Erinnerungen, Wenn die Bäume kahl sind, wenn am Himmel die
tiefroten Farben des Sonnenuntergangs schwimmen und das ver-
gilbte Gras übergolden, dann gewahrst du mit Entzücken, wie all-
gemach es verlischt, was jüngst noch in dir brannte.
Ich komme just heim von einem Spaziergang über öde Wiesen,
wo ich an kalten Gräbern entlanggegangen bin, darin sich die Wei-
den spiegelten; der Wind schlug ihre entlaubten Zweige, daß sie
pfiffen; bisweilen schwieg er; und dann hub er ganz plötzlich wieder
an, und es erschauerten aufs neue die kleinen Blätter, die noch am
Gestrüpp verharrten; das Gras begann zu zittern und sich zur
Erde zu neigen, alles schien fahler und eisiger zu werden; am Ho-
rizont verlor sich die Sonnenscheibe in der Weiße des Himmels
und überhauchte sein Rund mit einem Abglanz erlöschenden Le-
bens, Mich fror, und ich empfand fast Furcht,
Ich ließ mich im Schutz eines kleinen Rasenhügels nieder; der
Wind hatte sich gelegt. Ich weiß nicht, warum es geschah, aber als
ich dort auf der Erde saß, an nichts dachte und dem Rauche zusah,
der in der Ferne aus Hüttenkaminen auf stieg, da erstand mein
ganzes Leben vor mir wie ein Phantom, und mit dem Geruch des
verdorrten Grases und der toten Wälder kam mir der bittere Duft
von lagen zurück, die nicht mehr sind; meine armseligen Jahre
glitten an mir vorüber, als jage sie der Winter im Sturmes jammer
dahin; irgendeine schreckliche Macht peitschte sie durch mein Er-
innern, mit grimmigerer Wut, als der Wind die Blätter über die
verlassenen Pfade fegte; seltsame Ironie fügte es, daß sie fort-
raschelten und wieder zu mir herwehten, bis sie alle zugleich davon-
f'ogen und sich in einem düstern, trauerbangen Himmel verloren,
) Wir bringen diese Schilderung aus Flauberts Jugendwerk ,,N o v e m b e r“
in der neuen Übertragung von Ernst Sander (Elite-Verlag, Leipzig), Zu
der trefflichen Übertragung der Dichtung einer glühenden und traurigen Liebe,
einer Liebe von den starken und vergehenden Farben des Herbstes, die keine
Zukunft kennt und den Tod will, hat Sander ein gedankenvolles, beziehungs-
reiches, vorbildliches Nachwort gegeben.

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