Künstle, Karl
Die Legende der drei Lebenden und der drei Toten und der Totentanz: nebst einem Exkurs über die Jakobslegende — Freiburg i. Br., 1908

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III. EXKURS ÜBER DIE JAKOBSLEGENDE.

^ ylch habe mich oben darauf beschränkt, die Bilderserie aus der Jakobs-
^J_pC legende in St Jodok kurz zu beschreiben. Zu ihrem vollen Verständnis
ist ein näheres Eingehen auf die literarische und monumentale Verbreitung
dieser im Mittelalter so beliebten Erzählung notwendig.

1. DIE LEGENDE VON DEN JAKOBSPILGERN IN DER MITTEL-
ALTERLICHEN ERBAUUNGSLITERATUR.

Neben Jerusalem und Rom war bekanntlich Santiago de Compostela die
berühmteste Wallfahrtsstätte des Mittelalters. Es kann natürlich nicht meine
Aufgabe hier sein, zu untersuchen, ob der heilige Apostel Jakobus der Altere
hier wirklich begraben lag; es genügt, darauf hinzuweisen, daß man um das
Jahr 800 an der Stelle des alten, von den Sarazenen verwüsteten Bischofs-
sitzes Iria in Galicien die Gebeine des Apostels gefunden haben wollte, die
im 12. Jahrhundert in die in der Nähe befindliche Kathedrale überbracht
wurden und dem Bistum den Namen gaben.

Schon im 10. Jahrhundert hören wir von auswärtigen Wallfahrtsbesuchen,
die im 11. und 12. Jahrhundert sich stark vermehren, als die Kreuzfahrer
sich auf die Reise ins Heilige Land vielfach in Santiago vorbereiteten. Uber-
haupt trat Santiago in enge Beziehung zum Kampf gegen die Ungläubigen,
von denen Spanien ja so lange geknechtet war. Seit dem 14. Jahrhundert
wird uns auffallend viel von niederländischen und hanseatischen Pilgern be-
richtet, welchen die beschwerliche Reise durch die Fahrgelegenheit auf den
Schiffen ihrer Landsleute erleichtert wurde. Die Oberdeutschen mußten den
Weg ganz zu Lande machen ; trotzdem haben wir Kunde von zahlreichen ober-
deutschen Pilgerfahrten nach Santiago, besonders aus dem 15. Jahrhundert.
Ein oberdeutscher Pilger hat im Jahre 1495 ein kulturgeschichtlich wichtiges
Reisebuch verfaßt, worin er seinen Weg von Einsiedeln aus in Versen be-
schreibt; es ist dies Hermannus Künig von Vach, ein sonst nicht be-
kannter Servitenmönch1. Doch muß die Zahl der Jakobspilger aus Ober-
deutschland viel größer gewesen sein, als wir heute aus den gelegentlichen
Notizen noch erfahren, sonst hätte sich Berthold von Regensburg nicht
genötigt gesehen, vor den Mißbräuchen aus dem Kreise der Jakobspilger zu
warnen2. Geiler von Kaisersberg hat bekanntlich im gleichen Sinne seine

1 Vgl. auch für das Vorhergehende Konrad
Häb 1 er, Das Wallfahrtsbuch des Hermannus
Künig von Vach und die Pilgerreisen der
Deutschen nach Santiago de Compostela

(Drucke und Holzschnitte des 15. und 16. Jahr-
hunderts in getreuer Nachbildung) I, Straf3-
burg 1899.

2 Pfeiffer, Deutsche Mystiker I 459, 26 ff.
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