Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

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Holzmoöel aus -er Sammlung (benböck

Von Or. Hans karlinger

Allerlei fahrendes Künstlervolk belebte dre La ^
M« des \7. und \8. ^ Lrzeug-

stens der Büderkramer, ^^rt, selten mehr

niste, wenigstens rm I h < per<!

selber herstellte, sondern mest e ^ öet

leger den Detailhandel deine ' battCtf der

herumzreheude Mrttenwalder g ^otz am
seine heute begehrten Instrumen e \m

Nürnberger Markt feilbot, sondern au mtgr
Land herumtrug und manches uw <£\n

nach Ungarn oder hinüber ms

weiterer vielgesehener Gast der Lau ^iZiüriger
reisende Geschirrkränrer, der, wie er ^

Töpfer, seine Produkte nach Tirol oc er .. v

»«M«, „ich. als Künstlet - ^ -1,

die moderne Sammlerbegeifterrn g ^ xsand-

sondern als tätiger Repräsentanz^ bie

werks, dem, wie allen altw rcebcTV diesen
Wanderlust im Zleisch ^^dukte höchsteigen
Wandergewerben, die ehre Y ,« tcni treffen
oder im Gefährt durchs Lan s ? ^^ndwerks-
wir dann noch öfter den resten ^a5 5ewe
burschen oder Unternehmer, der a ^

m kleinen Ranzen und noch °T *. ^«nben
übten Hand oder hinter der . Glas-

en mit sich trug. So der wand^ &
machergesell, der die neuesten 3X bfl oöct
zeugen verzierter oder gefärbter G ai
dort in Böhmen abgelauscht und nun m ■.

Entdeckungen Geschäfte machte — man ] , « ,u

felhafter Natur, wie eines Tags em
winterberg, der sich vermaß, seinen bßtS

»echte Kunst des Rubins" zu lehren ^

gehrten rotgefärbten Kristallgläser — dara
geraume Zeit auf des Meisters Unkosten ex^
mentierte, bis er schließlich „ob Betrugs un ^
machter Unköften" in den Stock mußte. c»dten

seltener, für das Unternehmungsfieber de- V?

Jahrhunderts interessanter Gast, der „po
lainefabriquant", das heißt der gelehrte Keranu »
der auf die Suche passender Erden für die
fabrikation auszog. Manches Mal mit Gluck, ro ^
der Künnersberger, öfter aber auch ohne ben ®
wünschten Erfolg, wie es dem Berliner Joh.
lieb Gottbrecht erging, der vielerlei 3®
Unternehmungen in Thüringen und Fran en
Leben rief — wie u. a. Marktbreit, Rehwer er

u vgl. M.Lbenböck, Das Lebzelters-werbe, Zeüschr.
des Münchener Altert»^--'

umsvereins, ^97, S. 22—25.

Reichsmannsdorf —, ohne seinen Unternehmungen
eine größere Lebensdauer geben zu können. Und
endlich die ganze Schar gelehrter Handwerker der
verschiedenen Zünfte, die zwar nicht im heutigen
Sinn unter die Künstler zählten, aber doch all
den alten Gewerben den Zauber, den wir mit
„Volkskunst" zu umschreiben gewohnt sind, ver-
liehen. Kunst und Handwerk waren ja im Z8. Jahr-
hundert noch nicht zweierlei Begriffe wie später.
Einem dieser Lharakterköpfe aus dem alten Hand-
werksleben wollen wir heute näher auf den Leib
rücken: dem Modelstecher. Die Zunftorganisation
liebte eine reinliche Trennung und Zuteilung nach
dem Arbeitsgebiet. So gehörte der Modelstecher
nicht etwa zu den kunsttreibenden Gewerben, wo
wir ihn heute suchen würden, sondern unter die
Wachszieher und Lebküchner, weil er für sie und
meist unter ihnen arbeitete. Ls steckt in dieser
Einteilung ein achtenswerter Sinn für natürliche
Zweckmäßigkeit. Daß er uns — dank der Herr-
schaft der ideellen Systematik — nicht mehr ge-
läufig ist, war bekanntlich für das lg. Jahrhundert
kein Vorteil.

war doch auf dieser ganz rationalistischen Basis
der Beschränkung auf ein bestimmtes Handwerks-
gebiet dem einzelnen die Möglichkeit zur Viel-
seitigkeit gegeben, ohne dabei den Boden der
Zweckbestimmung zu verlieren, wer sein Hand-
werk vom praktischen auf gelernt hat, der ver-
gißt über der künstlerischen Idee nicht das mate-
riell Mögliche. Und darin steckt wohl das meiste
von dem Geheimnis alter Handwerkskunst.
Wachszieher und Lebküchner gehören zusammen
wie wachs und Honig im Bienenstock. Aus dem
Lande ist ja heute noch beides ein Gewerbe, wenn
sich auch vielfach der Wachszieher oder Lebzelter
inzwischen zum Konditor aufgeschwungen hat, der
seine Kerzen aus einer Fabrik bezieht. Dem mo-
dernen Gewerbetreibenden blieb wohl auch nichts
anderes übrig. Die künstlerischen Produkte seines
Handwerks, eine hübsche Votivsigur, einen lebzel-
tenen Nikolaus oder ein schönes Marzipanspringer-
lein alter Form, kaust ihm höchstens der Liebhaber
ab, den Lebkuchen für den größeren Abnehmerkreis
bezieht er aus der Fabrik, mit der sein Hand-
werkertalent nicht konkurrieren kann. Die „Kunst"
übt da und dort ein altes Geschäft um der Tra-
dition willen, und auch sie zehrt schließlich mehr
vom Alten, als daß sie Neues schaffend fortlebte.

«unst

Handwerk.

Iahrg. tzef, 3.

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