Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

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Lin an sich chemisch beständiger, stabiler Stoff, wie
z. B. das Lisenhydroxyd, kann durch Änderung
seines kolloidalen Zustandes, des Eisen-
hydroxydgels, eine Farbenänderung, z. B. Nach-
dunkeln, erfahren.

Line besondere Bedeutung besitzt auch die gegen-
seitige Beeinflussung kolloidaler Systeme,
indem die kolloidalen Stoffe oft eine Schutzwirkung,
oft auch eine entgegengesetzte Wirkung bezüglich
der Zustandsänderungen ausüben. So werden bei
Adsorptionsfarben, z. B. Lackfarben, die Farb-
stoffe durch den kolloidalen Bestandteil, den Ton
mehr oder weniger eingehüllt und geschützt; ander-
seits können kolloidale Stoffe Farbstoffe der Binde-
mittel, Öle usw. adsorbieren und dadurch Farben-
änderungen erleiden. Als Beispiele kolloidaler
Systeme, die sich in der Natur finden, seien an-
geführt der Rubin (kolloidale Lösung von Lhrom-
oxyd in Tonerde), der Saphir (kolloiddisperse
Phase von Kobaltoxyd in Tonerde).

Die Gcker und Umbra sind zweifellos nach den
neuesten kolloidchemischen Forschungsergebnissen als
Adsorptionsverbindungen der Tonerde-Kieselsäure-
gele mit Lisenhydroxyd- bzw. Mangangelen aufzu-
fassen; solche Farbstoffe mit kolloidalem Lharakter
brauchen viel mehr Gl, um als Farbe zu dienen, als
die kristallinischen Farbstoffe. Und wenn man z. B.
Pettenkofers Tabelle^) ansieht, welche den Ölver-
brauch angibt, den (00 Gewichtsteile Farbstoff
brauchen, um als Ölfarbe brauchbar zu sein, so
kann man aus dem Ölverbrauch die kristallini-
schen Farben (Kremsern, eiß, Zinkweiß,
Lhromgrün, Chromgelb, Bergzinnober,
Eisenoxyd sLuput mortuums) mit (2 bis 3( Ge-
vichtsteilen Ölverbrauch ganz gut von den Farb-
stoffen mit amorph-kolloidalem Lharakter
mit 62 bis 2^0 Gewichtsteilen Ölverbrauch (Krapp-
lack, Goldocker, Lichtocker, Kasselerbraun,
Ulanganbraun, grüne Erde, pariserblau,

*) Max v. pettenfofer: „Über ©Ifarbe" ;sr-(.

Berlinerblau, Beinschwarz, Kobaltblau,
Florentinerbraun, Terra di Siena) unter-
scheiden.

Ultramarin kann man als ein kolloidales System
auffassen, in welchem der Ton als Dispersionsmittel,
der Schwefel bzw. Schwefelverbindungen als disperse
Phase fungieren. Mit der Zustandsänderung in
diesem System ist zweifellos die sog. Ultramarin-
krankheit, wie sie pettenkofer Seite 32 seiner
bereits zitierten bahnbrechenden Schrift beschreibt
und wobei er von ähnlichen Erscheinungen der
„g r ü n en E r d e" (wasserhaltiges kolloidales Tonerde-
eisenoxydulmagnesiasilikat), überhaupt aller ton-
haltigen Farben spricht, in Beziehung.

Nach pettenkofers Untersuchungen handelt es sich
hierbei um eine reversible Zustandsänderung, welche
durch geeignete Mittel und Behandlung wieder rück-
gängig gemacht werden kann, so daß die ursprüng-
liche Farbe wieder erscheint.

Der Goldpurpur z. B. ist ein Gemisch der pydro-
sole des Goldes und der Zinnsäure; die Lösung des
Goldpurpurs- in Ammoniak ist als eine Verflüssi-
gung dieser Kolloide anzusehen. Durch vermischen
einer kolloidalen Goldlösung mit kolloidaler Zinn-
sänre wird dieser Goldpnrpur auch erhalten, hier-
bei tritt eine Art Mimikry auf zwischen zwei
Stoffen irn kolloidalen anorganischen Zustand, wie
solche sonst nur bei Pflanzen und Tieren anzutreffen
ist. Die kolloidale Lösung des Goldes bat nämlich
in chemischer Beziehung die Eigenschaften des Zinn-
säurehydrosols angenommen, während es dem letz-
teren nur seine Farbe mitteilt. Die Eigenschaften,
die an den kolloidalen Zustand der Stoffe ge-
bunden sind, gewinnen immer mehr an Bedeutung;
hauptsächlich auch deshalb, weil wir dadurch manche
Erklärung für bisher lediglich „merkwürdige" Er-
scheinungen geben können, und weil wir bei den
Kolloiden Übergänge zwischen den echten moleku-
laren Lösungen und den grob-mechanischen Auf-
schwemmungen finden und dadurch Einblicke in die
intramolekularen Vorgänge erhalten. (Schluß folgt.)

Chronik -es öaperischen Runstgewerbevereins

Vorträge:

Dienstag, den ($. März, Vortrag des Herrn Professor l)r.
Aarl Doehlemann über den Holzschnitt, seinen Stil
und seine Entwicklung. In seinen allgemeinen Zügen
zusammengefaßt, bildete den Inhalt seiner Ausführungen etwa
folgendes: Die ältere Art des Holzschnittes mit dem Schneide-
messer auf Langholz verliert sich ihrer Entstehung nach ins
Dunkle. Mit Dürer und Holbein erreichte sie einen Höhe-
punkt, wurde dann allmählich von dem Aupferstich verdrängt,
der dem Zug der Zeit, malerische Wirkungen zu geben, Folge

leisten konnte. Die zweite Art des Holzschnittes arbeitet mit
dem Stichel auf Hirnholz. Sie ist einerseits imstande, eine
Linienzeichnung wiederzugeben (Faksimile-Holzschnitt); da sie
aber auch weiße Linien in beliebigen Lagen mit Leichtigkeit
herstellt, so vermag sie anderseits auch Töne nachzuahmen
und malerisch zu wirken. Seine größte Verbreitung fand
dieser Tonschnitt durch die illustrierten Zeitungen, die sich von
England aus über Deutschland verbreiteten. Jetzt hat ihn die
Autotypie fast ganz verdrängt, was im Interesse der Aunst
zu bedauern ist. Endlich hat sich in den letzten so Jahren eine

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