Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

Page: 207
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botene Schöne nicht handwerklich verwenden, sich
nur daran erbauen wollten; mächtig wirkte der
„Formenschatz" auf die Geschmacksbildung weiter
Kreise ein. Denn hier war immer etwas, das fraglos
gut war nach einer langen Zeit, in der man den
Begriff einer guten Form überhaupt nicht mehr
gekannt hatte — und auch den einer handwerklich
guten Arbeit kaum!

Zn allen Formen suchte Georg Lfirth nun in diesem
Sinne zu wirken. Nicht zuletzt durch die Lsebung
der Buchdruckerkunst. Er gründete mit seinem
Schwager Thomas Knorr eine Druckerei, suchte
gute alte Schriften und Zierstücke hervor, und mag
einer heute jene Neubelebung der Renaissance
auch belächeln, — er messe sie einmal an den voll-
kommen charakterlos gewordenen Druckarbeiten der
vorhergehenden Zeit, und er wird verstehen, was
für nützliche Arbeit die neue Offizin tat. Don X,877
bis H895 ist Georg bstrth auch Verleger der Zeit-
schrift des Bayerischen Kunstgewerbevereins ge-
wesen, wie denn überhaupt seine Verlagstätigkeit
eine ungemein fruchtbare war. Er gab eine große
Anzahl von Neudrucken aller erdenklichen graphi-
schen Meisterwerke der Vergangenheit heraus,
Werke von Dürer, Lranach, Jost Amman, Virgil
Solis usw.; er schuf eines der schönsten, wertvollsten
und instruktivsten Bilderwerke, die wir überhaupt
haben, die „kulturgeschichtlichen Bilderbücher aus
drei Jahrhunderten", von denen sechs bis zu
Ehodowieccki reichende Bände erschienen sind. Die
überaus glückliche Idee wurde glänzend durchge-
führt, das Werk ist so reichhaltig und fesselnd ge-
worden, daß man nur wünschen möchte, es möge
noch bis zur Kunst unserer Tage weitergeführt
werden. Zn den letzten Jahrzehnten hat Georg
Birth dann noch Muthers bahnbrechende Geschichte
der Malerei herausgegeben, an deren Werden er
wichtigen Anteil hatte; das Sammelwerk „Der
schöne Mensch", einen Formenschatz der mensch-
lichen Schönheit usw. Als Gründer der Münchener
Jugend ist er dann noch einmal „stilbildend" aus-
getreten, allerdings sozusagen gegen seinen willen,
was gerade an dieser Stelle noch einmal betont

sein möge. Für den übelberühmten „Jugendstil"
kann die Jugend nichts; Birth gründete sein Blatt
als vüluestra musarum für die werdenden, und die
Graphik der jungen Maler am Ausgang der neun-
ziger Jahre gefiel sich nun einmal in jenem, aus
den widersprechendsten Bestandteilen gemischten
und an etwas leerem Schnörkelwerk reichen Stil,
der aber zunächst nur Illustrationsstil, Buchschmuck
war. Die Industrie griff ihn neuerungsbegierig
auf und benutzte das Wort Jugend als Reklame;
leider fanden sich auch in der Künstlerschaft selbst
Leute genug, welche die Zeitidee nicht verstanden
und aus dem, was seinem Wesen nach nur Schwarz-
weißkunst sein konnte, Architektur und Kunsthand-
werk machten. Dafür konnte Births Jugend nichts.
Aber aus dem Kreis ihrer Künstler sind gar manche
hervorgegangen, die man heute mit Recht zu den
berufenen Führern auf dem Wege zu einem neuen
Zeitstil zählt und die nach den Extravaganzen
jener Sturm- und Drangperiode in zielbewußter
Arbeit die Zierkünste zu logischer Form und sinn-
gemäßer Behandlung der Stoffe brachten. So hat
Births Unternehmungsgeist und weitherziges Kunst-
verständnis auch Anteil an der gesunden Entwick-
lung, die unsere Zierkunst, die unser Zeitstil all-
gemach genommen hat. wäre diese Entwicklung
in seine jüngeren Jahre gefallen, er hätte sicher
auch da im Sinne einer Bereicherung gewirkt,
gegen die extreme Schmucklosigkeit und den kühlen
Purismus gekämpft, den heute so viele für das
erstrebenswerte Ziel halten, während er doch nicht
mehr als die nötige Grundlage des neuen Stils
bilden sollte!

Georg Lfirth war immer zu haben, wo es das
Schöne galt und das, was er für das Rechte hielt,
wenn man fein Leben zurückverfolgt, so muß man
sagen, daß wohl selten ein einzelner Mann für die
ästhetische Entwicklung einer Stadt so viel bedeutete,
wie Birth für München bedeutet hat. Und da er
auf einem Felde tätig war, auf dem München
trotz aller Gegenarbeit immer noch tonangebend ist
für das Reich, darf er auch vom ganzen deutschen Volke
Dank beanspruchen für die Arbeit seines Lebens!

Was soll -er Künstler, Ser Maler, von -er Chemie wissen!

Eine Einleitung zur Malmaterialkunüe von Georg Büchner, chemisch-technisches Untersuchungs-
laboratorium München

Dieses Thema habe ich in einer Arbeit behandelt,
deren Anfang bisher in Nr. 6, 7, 8, 9/M und \2
des Jahrgangs H9H5 dieser Zeitschrift erschienen
ist und deren Fortsetzung leider durch Raummangel

von Seite der Redaktion zurückgestellt werden mußte.
In diesen Ausführungen wurden bisher das wesen
und die Bedingungen stofflicher Veränderungen
und Zustandsänderungen der verschiedensten Art

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