Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

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im allgemeinen erörtert; aus diesen Darlegungen
ergibt sich der Stand unserer heutigen Kenntnisse
und Erkenntnisse über manche Veränderungen von
Malerfarbstoffen, welche früher wenig aufgeklärt
waren.

In den nun folgenden Fortsetzungen verbreite ich
inich vom physikochemischen Standpunkte aus über
die allgemeinen, für den Künstler so wichtigen dies-
bezüglichen Gesetzmäßigkeiten und die mannigfachen
Möglichkeiten der Veränderung seiner Farbstoffe
und Bindemittel. —

Bezüglich der Zustandsänderungen find auch
viele Schwefelverbindungen (Sulfide), so z. B. das
Arsentrisulfid, Antimontrisulfid, (lZuecksilbersulfid
(Zinnober), Kadmiumsulfid, bemerkenswert; für
den Maler haben nur die letzteren Bedeutung.
Das (puecksilbersulfid erscheint bei chemisch glei-
cher Zusammensetzung des Moleküls (= \ Atom
(Quecksilber und ( Atom Schwefel) in zwei ver-
schiedenen Zustandsformen, einer schwarzen und
einer roten. Lrstere Form bildet das Mineral Meta-
cinnabarit, letztere Form den roten Zinnober. Wäh-
rend nun zweifellos dem ganzen Verhalten nach die
schwarze Form die unbeständigere, die rote die be-
ständigere ist, da erste leicht in letztere umgewandelt
werden kann, so ist doch gegenüber der Lichteinwir-
kung das Verhalten gerade umgekehrt, indem das
rote (Yuecksilbersulfid, der Zinnober (nicht alle
Sorten desselben verhalten sich gleich), unter dem
Einfluß der strahlenden Energie in die schwarze
Znstandsform übergeht. Line ganz besondere Stel-
lung nimmt das Kadmiumsulfid (— Schwefel-
kadmium— Kadmiumgelb) ein, welches, abge-
sehen von seiner kolloidalen Zustandsform, in einer
gelben «-Modifikation und einer roten /S-Modifika-
tion existiert* *). Dadurch, daß man verschiedene
Mengen dieser Zustandsformen nebeneinander ent-
stehen läßt, erhält man die ganze Skala der im Handel
befindlichen Kadmiumfarben von Zitronengelb-Hell
bis Dunkelorange bis Tieforangerot. Aber die Ver-
hältnisse des Kadmiumsulfids werde ich noch später
unten einige Ausführungen bringen, wenn hierfür
durch die nachstehenden Darlegungen das Verständ-
nis des Lesers vorbereitet sein wird.

Ls würde hier zu weit führen, wenn ich über die
verschiedenen teils erkannten, teils vermuteten in-
neren Ursachen der besprochenen Zustandsformen,
die ein und derselbe feste Stoff annehnren kann,
sprechen würde. Ich möchte nur anführen, daß

i) Liehe Georg Büchner: ÜberLchwefelkadmium
und die verschiedenen Uadmi umfarben des
Handels. Lhemiker-Jeitung *887, Nr. 72 u. f., ferner ebenda

*89;, 20 und 80, *20.

trtmi im großen ganzen diese Zustandsformen
unter dem Begriffe der „Isomerie" zusammenfaßt
und besonders folgende drei Gruppen dabei unter-
scheidet:

Gleichge wichts isomerie.

Existenz eines mit der Temperatur verschieb-
baren dynamischen Gleichgewichtes, z. B.
Schwefel löslich Schwefel unlöslich.

2. physikalische Isomerie.

Verschiedenheit der gesetzmäßigen Anordnung

der Moleküle eines Stoffes im Raume, wo-
durch verschiedene Molekularkomplexe auf-
treten können, wobei aber die Linzelmoleküle
identisch sind.

3. Lhemische Isomerie.

Diese greift in den Aufbau des Moleküls selbst
ein; es findet intramolekulare Umwandlung
statt, so daß sich die Struktur des Moleküls
(Atomumlagerung innerhalb des Moleküls)
und der Lnergieinhalt ändert, während das
Molekulargewicht unverändert bleibt.

a) Metamerie.

Das Linzelmolekül wird ohne Änderung der
Molekulargröße modifiziert.

b) Polymerie.

Das Molekül wird unter Änderung der Mo-
lekulargröße modifiziert.

weitere Zustanüsänüerungen

Nun ist eine weitere Bedingung des Auftretens
bestimmter Zustandsformen fester Stoffe in Be-
tracht zu ziehen, welche ganz besonders bei der
Perstellung der Stoffe, hier der Malerfarb-
stoffe, eine bedeutsame Rolle spielt und bisher mehr
empirisch-praktisch beobachtet als wissenschaftlich
untersucht wurde, wer in der Lage war, längere
Zeit chemische Stoffe aller Art und auch Farbstoffe
in größeren Mengen herzustellen, dem steht hier
eine reiche Erfahrung zu Gebote, welche durch neue
Untersuchungen bestätigt wird. Ls ist in einer Reihe
von Arbeiten durch Kohlschütter*) gezeigt worden,
daß feste Stoffe in Form sehr verschiede-
nen Aussehens und Verhaltens erhalten
werden können, ohne daß eine definierte
Isomerie anzunehmen ist. Der Unterschied
ist in diesen Fällen lediglich in der Struktur oder
dem Verteilungszustande des Stoffes zu suchen,
mit anderen Worten, die verschiedenen Zu-
standsformen dieser Art stehen in Be-
ziehung zu dem Bildungsvorgang, insoferne

i) Zeitschrift für Elektrochemie *9*4.

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