Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

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tm lebendigen Gebrauch erhielt sich der Kessel für
größere Mengen.

Die Backform und ihre Formenwelt illustriert uns
am anschaulichsten die Rüche der letzten Jahrhun-
derte. Sehr alt ist wohl der kupferne Backmodel
kaum, fraglich, ob ihn der mittelalterliche Roch
besaß. Bei ihm findet man wohl den Tonmodel

— meist grün glasiert wie der gleichzeitige Vfen

— und noch früher die geschnittene Holzform.
Im mittelalterlichen Rüchenwesen findet die Rupfer-
form keinen rechten Platz, denn mit der Ruchen-
bäckerei war es schwerlich weit her, die Runst ging
nicht über den „Lebzelten" hinaus, woher die
feinere Rüche stammt, verraten die Namen Pastete
(pastata), Makronen, Biskuit (biscotto, im Öster-
reichischen heute noch „bischgotln"), Marzipan u. a.,
sie stammen alle aus dem welschland. Italien
brachte die verfeinerte Rüche und vor allem die
prunktafel. Letztere kann sich erst im ^6. I«hr-
hundert größerer Verbreitung in Deutschland rüh-
men, ältere Berichte von Festmahlen, wie etwa

auf der Trausnitz in Landshut, erinnern eher
an eine Bauernhochzeit als an ein galantes Diner.
Prunktafel und Schauessen entsprechen dem Lebens-

gefühl des Barock. Der Salzburger Rüchenmeister
Ioh. Hagger zählt in einem vierbändigen Werk,
das \7\2 erschien, Hunderte der kompliziertesten
Gerichte auf, unter denen die mancherlei Jier-
pasteten, das prunkwild mit voller Decke oder Ge-
fieder wie Geschichten von römischen Gastmählern
anmuten. Merkwürdigerweise spielt in^Haggers
Buch der Rüchenmodel nur eine untergeordnete
Rolle, der Rüchenmeister empfiehlt Tonmodel und
einfache Blechformen. Die Pastete war hauptsäch-
lich freihändige Arbeit, dagegen scheint der Model
für Rüchen und gefüllte Backwaren verwendet wor-
den zu sein. Manche Vorlagen aus dem Hagger-
schen Buche, wie die Schildkrötenpastete, die Fisch-
pasteten u. a. sind aber offenbar die direkten Vor-
bilder für ähnliche Model. Die Backform ersetzte
wohl allmählich den modellierenden Rochkünstler,
sie scheint auch der Zeit nach jünger und in ihrer
stilistischen Eigenart geschlossener wie die mehr
naturalistische Blütezeit der Schauessen, die dem
\7. Jahrhundert angehört.

Die ältesten datierten Backformen mit besserer Aus-
stattung begegnen uns im \6. Jahrhundert. Das
ba^er. Nationalmuseum besitzt eine reich dekorierte

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