Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 67.1916-1917

Page: 51
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1916_1917/0055
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Suchzeichen in alter Zeit

von Hans Karlinger

Die

»gute alte Zeit" kannte keine Straßennummern,

. . - —.- -----7 *'

fettie «Duartierbuchftaben, sie registrierte noch nicht
abstrakt nach der Nummer, wie unsere von viel-
beit und unpersönlichem Gedächtnis geplagte Ge-
genwart. Die persönliche Anschauung und plastische
Phantasie des minder Kultivierten schuf sich le-
bendigere Erkennungszeichen: die Hausschilde und
Hausbilder, deren letzter Rest, unsere heutigen
^'^tsschside, ein bescheidenes Dasein fristen. Man
suchte vor fünfhundert fahren nicht den Bäcker
"der Kaufmann oder Weber in der oder jener
Gasse Nummer soundsoviel, sondern den Bäcker
»Zum Schwan", den Gewandschneider „zum Stern",
den Weber „zum Goliath" und wie sie alle heißen.
Das gehört zur vielgestaltigen mittelalterlichen
Stadt wie Stadttor und krumme Gasse, sie ist
kein Nummern-, sondern ein Bilderquartier,
^kcht Urn damit der Gegenwart etwas vorwerfen
Zu U)olleu. Es fei nur ans Tatsächliche erinnert,
jveil es ein Kulturganzes ist, daß ebenso notwendig
in die alte Stadt gehört, wie Alphabet und Haus-
nummer in den modernen Mietblock. Der mittel-
alterliche Mensch hatte Raum und Zeit genug.

wovon wir heute schier zu wenig haben.

Das Bild ist das urälteste Symbol für die Er-
kennungsmarke, wie jeder Heraldiker weiß. Ist
ja selbst der Name der Person, der Zuname,
nicht selten etwas anderes als eine bildliche Nber-
^agung. Dem Schriftwege voran spricht das Bild
Zum leseunkundigen Volk. Die symbolische Verkör-
perung ganzer Gedankenwellen von Völkern und
Nationen ist das Bild im Dienste der Heraldik.
Anter diesen Voraussetzungen entstand das Buch-
zeichen oder — wie es am häufigsten genannt wird
— das Exlibris. Zunächst nicht so sehr als künst-
lerischer Schmuck, was heute für den Besteller
des Buchzeichens doch fast immer das wesentliche
ist, sondern als Ligentumsmarke. Den mancher-
lei Geleitsprüchen, die vorwiegend bei den alten
Exlibris zu finden find und die dem Entwender
bes betreffenden Buches nicht eben das Beste
wünsche, läßt sich entnehmen, daß das alte Buch-
eichen so ausschließlich Eigentumsmarke war wie
^ute der Buchstempel.

-Ous Buchzeichen ist ein Zeitgenosse der Buch-
bruckerkunst; d. h. seine Geschichte beginnt mit dem
späten xs. Jahrhundert. Solange man den wert-
vollen Pergamentband noch handschriftlich her-
stellte, waren nur die wenigsten Klosterbibliotheken

in der Lage, über größere Bändezahlen zu ver-
fügen. An Stelle des späteren Exlibris genügte
die Znschrift im Buchdeckel, wollte mar, besonders
weit gehen, so schmückte der Maler das Buch noch
mit dem Klofterwappen. An die mechanische
Vervielfältigung von Buchzeichen hätte man üb-
rigens vor Mitte des *5. Jahrhunderts so wenig
denken können, wie an das gedruckte Buch, da ja
bekanntlich Buchdruck und graphische Kunst Hand
in Hand entstanden sind.

Die mechanische Seite der Geschichte des Exlibris
ist von der der graphischen Kunst überhaupt nicht
verschieden. Den Anfang bildet der Holzschnitt,
der in der zweiten Hälfte des *5. Jahrhunderts
seine erste Blüte entfaltet und in fortwährender
technischer Verfeinerung bis in das späte 16. Jahr-
hundert sich beim Buchzeichen behauptet. Seit dem
Ende des 1,5. Jahrhunderts beginnt dann der
Kupferstich den Markt zu erobern, zu den frühesten
Exlibris in Kupferstich gehören die prachtvollen
heraldischen Blätter von Albrecht Dürer wie
das Löwenwappen u. a. Seit dem \7. Jahrhundert
wird der Kupferstich für das Buchzeichen die fast
alleinige Technik bis zum 19. Jahrhundert, die
Radierung kommt in alter Zeit relativ sehr selten
vor. Erst das 19. Jahrhundert brachte im Exlibris
alle Techniken der Graphik ohne und mit maschineller
Hilfe vom einfachen Steindruck bis zum kompli-
zierten Mehrfarbendruck in Anwendung. Als vor-
nehmste Technik des modernen Exlibris ist die
Radierung zu bezeichnen; der mühsame und inr
Ton immer harte Kupferstich hat in unserer Zeit
kaum noch Verwendung gefunden.

Die eigentliche Geschichte des Exlibris steckt in der
Idee des Vorwurfes. Hier hat der Lauf der Zeiten
Wechsel in Geschmack und Anschauung in reicher
Fülle geboten.

Das frühere Buchzeichen ist seinem Inhalt nach
rein heraldischer Natur, so wie es uns die farbige
Probe eines prachtvollen Buchzeichens aus dem
Kloster Buxheim bei Memmingen zeigt. Ls war
das Nächstliegende, daß der Besitzer sein Wappen,
sein eigenstes rechtliches Symbol im Sinne des
Mittelalters, verwendete und daß er sich, wenn er
über ein Wappen nicht verfügte, eines schuf. Mit
der Anfangszeit des Exlibris im 15.—16. Jahr-
hundert stehen wir ja mitten in der stärksten Ent-
wicklungsperiode der sog. redenden Wappen, d. h.
der Wappenbilder, die der Besitzer von seinem

Kauf! und Handwerk. t7. gadrg. Heft 3.

51

By

9
loading ...