Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 67.1916-1917

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harrend; Schöpfer dieser schönen Arbeiten sind
Matthes und Anton pössenbacher.

In einem eigenen Raum hat die Kgl. Erzgießerei,
die als einer der ältesten dem Kunstgewerbe die-
nenden Anstalten den Ruhm Münchens als der
Pflegestätte angewandter Kunst am frühesten in
alle Welt trug, eine Sonderausstelmng zusammen-
gebracht. Natürlich sieht man da keines der großen
Gießwerke, die den Ruhm des Instituts begründe-
ten, aber es erweist sich, daß die Erzgießerei auch
auf kleinplastischem und kunstgewerblichem Gebiet,
in dem sie nach Modellen von Düll und Pezold,
Killer u. a. Wandbrunnen, Vasen, Putten, Tier-
stücke herstellt, höchst Bemerkenswertes leistet.
Mit einem Gußmodell ist hier auch willkommener
Einblick in die Technik gewährt.

Die Glasmaler stellen in geschickt angeordnetem
Raum, der von dem wonnigsten farbigen Leuchten
durchflutet ist, kleinere Arbeiten, Schweizer Schei-
ben, Votiv-Fenster, auch kleine Malereien, die
der Kriegerehrung und der Erinnerung an gefallene
Melden gewidmet sind, zur Schau, daneben gibt
es wieder ganz Lustiges, wie die satirisch archaisie-
renden Renaissancescheiben, die Paul Neu zum
Urheber haben.

Glas, Textilien und wachs sind in einem besonderen
Saal zusammengefaßt. Bei den Textilarbeiten
Überwiegen die schönen Schöpfungen des Batiks,
das seine unbegrenzten Möglichkeiten mehr und
mehr entfaltet, namentlich wenn so geschmack-
volle Kräfte und geschickte Hände, wie sie in der
Vereinigung der Münchner Kunstgewerblerinnen
beisammen sind, sich der Sache annehmen und neue
und originelle Muster und Farbkompositionen
erfinden. Mit Webereien, Stickereien und ähn-
lichen Arbeiten ist die Ausstellung gleichfalls gut

beschickt; indessen wird der Nicht-Münchner den
Hauptteil seiner Aufmerksamkeit auf die hier
aufgestellten wachsarbeiten vereinigen. Das kunst-
reiche Handwerk der Wachszieher, dessen Geschichte
zu verfolgen von besonderem Reiz ist, hatte in
München von jeher eine gute Heimstätte, und das
begreift sich: in einer frommen Stadt, wie es das
kirchenreiche, wallfahrtsfrohe München war, bestand
stets Nachfrage nach wachsgeformten Weihge-
schenken und Devotionalien, nach Kirchenkerzen,
Wachsstöcken und welcher Art sonst diese köstlichen
Gegenstände frommer Gpferfreudigkeit sein mö-
gen. Zwei wachsziehereien haben die alte Kunst
in München bis auf diesen Tag hochgehalten:
Mathias Lbenböck und Joseph Gautsch, von denen
elfterer mehr die figürliche wachsarbeit, letzterer
mehr den Gebrauchsartikel kultiviert. Es ist ein
Vergnügen, vor diesen Schränken zu verweilen,
des Reichtums der formen und der Delikatesse
der Farbgebung sich zu freuen mit dem schönen
Gefühle, daß Werke dieser Art, Höchstleistungen
des Handwerks, das hier durch die Tradition zur
Kunst aufsteigt, recht eigentlich nur in einer Stadt
heimisch sein können, die, allen Widersachern
und Absprechern zum Trotz, den Geschmack in
Erbpacht hält, in — München.

So wird uns die Wachsvitrine gewissermaßen
zur Synthese des Münchner Kunstgewerbes, denn
hier sind die drei Hauptmomente, die zum Wesen
derHandwerkskunstgehören', beisammen: Geschmack,
wie er sonst nur in den Bezirken der Kunst wohnt,
Tüchtigkeit, die das Kennzeichen gediegenen Hand-
werks ist, und verankertsein in der Überlieferung,
die Kunst und Handwerk aus weiten wegen zu-
einander führt.

Or. Georg Jakob Wolf.

Merkworte -es Rembranötöeutschen

Die Elemente des inneren deutschen Volkstums
haben sich anders gemischt, anders geteilt und an-
ders gruppiert als früher. Linst ging der Dichter mit
dem Denker Hand in Hand; jetzt steht dem Krieger
der Künstler gegenüber, wiewohl nicht entgegen.
Scheinbar feindselige Pole durchdringen sich hier, wie
sonst, zu gegenseitiger Stärkung. Man kann den
jetzigen Deutschen mit dem tempelbauenden Juden
vergleichen, der in der einen Hand die Kelle, in
der andern die Lanze zu führen genötigt war.
was der Künstler schafft, ist wohl wert, daß es der

Krieger verteidigt; und was der Krieger vollführt,
ist wohl wert, daß es der Künstler darstelle. Die
auf Krieg und Kunst gerichteten Eigenschaften des
deutschen Volkscharakters, welche nunrnehr an die
Spitze treten, haben zwar in der Vergangenheit
nicht geruht; aber sie verzehrten sich, bei zerstreuter
und gestörter Tätigkeit, wenigstens teilweise in
sich selbst. Jetzt vollzieht sich eine Wandlung; dem
Gedanken folgt das Bild, der Forschung die An-
schauung, dem rezipierenden Gelehrten der produ-
zierende Künstler in der das Geistesleben beherrschen-

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