Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 69.1918-1919

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schlags in die Wege zu leiten wäre. Auch hier
gilt das Wort: „Frisch gewagt ist halb gewonnen."
Vorarbeiten brauchen nicht gemacht zu werden.
Die Sammlung des Münchner Bundes und die
von der Kriegsmetallsammlung herrührenden Ge-
genstände in Rupfer, Messing und Zinn, die zurzeit
im Nationalmuseum aufbewahrt werden, stehen
zur Verfügung und bilden zusammengenommen
einen ansehnlichen Grundstock. Auch so mancher
im Nationalmuseum zurzeit magazinierte Gegen-
stand würde geeignet sein, um dem neuen Museum
einverleibt zu werden. Allen zusammen fehlt aber
die Möglichkeit der Vorführung. Sie nützen und
fruchten aber nichts, ehe diese geschaffen wird.
Was speziell die Vorbildersammlung des Münchner
Bundes angeht, so sind die Räume, die diesem zur

Verfügung stehen, nicht bloß zu klein und unge-
eignet, sie müssen obendrein sogar demnächst zur
Hälfte geräumt werden, um anderen Zwecken zu
dienen. Die Lokalsrage aber dürfte sich im gegen-
wärtigen Zeitpunkt leichter lösen lassen, als je zuvor.
Mit der Unterbringung des Obengedachten wäre
allerdings die Sache allein nicht gemacht. Der
weitere Ausbau der Materialgruppen würde vor-
zusehen sein, und die technologische Abteilung
müßte neu geschaffen werden, Hier gibt es also
Arbeit auf Jahre hinaus. Wenn aber dabei auch
nur ein kleiner Bruchteil der Opferfreudigkeit zutage
tritt, die sich bei der Schaffung des Deutschen Mu-
seums gezeigt hat, so wird München um ein Institut
reicher werden, das mehr bedeutet als eine bloße
Sehenswürdigkeit.

Else Jaskolla un- ihre Zachklasse

von Hans Rarlmger

Was der weiblichen Handarbeit im Kunstgewerbe
am empfindlichsten geschadet hat, ist der Dilettan-
tismus. Der naive Glaube, daß etwas Künstlerisches
getan sei, wenn eine — sei es gute oder schlechte —
int beliebigen Konfektionsgeschäft gekaufte Vor-
zeichnung mit Nadelstichen -— seien sie gut oder
schlecht — ausgefüllt wird. Ich glaube, es würde
doch fast kein Mensch ein Bild in sein Zimmer
hängen, das auf die Weise entstand, daß er eine
vorgedruckte Konturzeichnung mit Farben aus-
füllte. Aber — ein Bild ist doch keine „weibliche
Landarbeit."

Das ists eben. Der Begriff „weibliche Landarbeit"
ist im letzten Jahrhundert gewissermaßen vogel-
frei geworden. Ja, vogelsrei, denn was man in
anderen kunstgewerblichen Gattungen nie erlaubte,
das wurde in der weiblichen Landarbeit möglich,
nämlich daß selbst die Schule Zeit für Erlernung
von „Schmücke dein Heim"-Künsten hergab.
Wenn man in der Schule auch zeichnen lernt, so
ist das was anders. Denn es handelt sich dabei

— wenigstens für einen vernünftigen Schulbetrieb
-— nur darum, gewissermaßen den optischen Vor-
gang des Sehens und Begreifens zu bereichern und
zu vertiefen. Nicht aber darum, daß das gezeich-
nete Blatt auch außerdem noch etwas bedeuten
soll, gar in dem Sinne, wie er von einein kunstge-
werblichen Gegenstand verlangt wird. (Ich meine

— um nicht mißverstanden zu werden — rein nur

den schulgemäßen Zeichenbetrieb für den Laien,
nicht das Zeichnen des Künstlers.)

Die Nadelarbeit — um damit die verschiedenen
Arten sog. weiblicher Handarbeit zusammenzu-
sassen — ist ja eigentlich, wenn es auch oft genug
vergessen wurde — eine Kunst. So gut wie jede
andere Kategorie des Kunstgewerbes oder sagen
wir lieber der angewandten Kunst. Und die
Nadelarbeit war vor alters keineswegs so aus-
schließlich weibliches Eigentum, wie jetzt. Die
schöne Vorstellung von der mittelalterlichen Nonne,
die in verschlossener Zelle herrliche Altardecken
stickte, ist mehr romantisch als richtig, denn in Wirk-
lichkeit hatten Zünfte, wie die der Seidennahter,
der Goldsticker, der Flinserlschlager, der Borten-
und Saumweber weitaus mehr mit all den herr-
lichen mittealterlichen und auch späteren Schöp-
fungen der Nadelarbeit zu tun, wie die Frauett.
Nicht um damit den Anteil der Frau ain Kunst-
handwerk von ehedem zu schmälern, sei das gesagt,
aber die obige Voraussetzung wäre denr alten
Betrieb direkt widerläufig. Denn das alte Kunst-
Handwerk war nach allen seinen Seiten hin fest
im Rahmen des Handwerks organisiert und damit
blieb für die Frauenarbeit eine leitende Stellung,
wie es der künstlerische Gehalt mittelalterlicher
Nadelarbeiten voraussetzen würde, von selbst kein
Platz. Der Frau siel eben hier wie anderorts,
soweit sie überhaupt herangezogen wurde, ledig-
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