Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 69.1918-1919

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Dekorative Malereien von August Sranöes

von vr. Georg Lill

Die deutsche Kunst des t9- Jahrhunderts besaß
schon die ursprünglichen Kräfte, eine große dekora-
tive und monumentale Malerei aus sich hervorzu-
rufen. Man braucht nur an die ungenutzten oder zu
spät erkannten, teilweise auch zu früh verstorbenen
überragenden Künstler wie Rethel, Feuerbach, Böck-
lin, Hans v. Marees und andere zu denken. Aller-
dings, eine bürgerliche Zivilisation mit materieller,
individualistischer Geistestendenz wird nie die soli-
darische oder autokratische Gesinnung aufbringen,
die die Grundbedingung für eine Malerei bilden
muß, der die Zdee, die Wirkung in die Gesellschaft
oder Masse das Ausschlaggebende erscheint. Viel-
mehr mußte das Gegenspiel der dekorativen Ma-
lerei: der Realismus, der Naturalismus, der Im-
pressionismus einer solchen Zeit das eigentliche
künstlerische Spiegelbild seiner Anschauung werden,
und statt nach weiten wandflächen strebten die
führenden Tendenzen nach dem Staffelei- und
dem Galeriebild, wie sie auch nicht nach den großen
Stoffen der Geschichte, der Sage, des pathetisch
erhöhten Lebens ausgingen, sondern nach den
kleinen Zufälligkeiten des täglichen Lebens, den
engen Ausschnitten einer intimen Landschaft oder
den Augeneindrücken einer mehr die Oberfläche
des Daseins streifenden Sinnesschönheit.

Trotz alledem ließen sich wünsche und Sehnsucht
nach einer geistigeren, geschichtlich verankerten und
Weltgeschehnisse stärker miteinpfindenden Kunst
nicht ausrotten, besonders nicht in Deutschland, wo
zwar nicht in den breiten Schichten, aber doch in
engbegrenzten intellektuellen Kreisen das Gefühl
nach einer dieOuellen des Daseins tiefer erfassenden
Welt- und Lebensauffassung aus den klassischen
Zeiten einer kaum entschwundenen Vergangenheit
noch rege war. Aus diesem häufig nur zu historisch
bedingten Denken erwuchs meistens ein historisch
gerichtetes Ziel auf Erneuerung einer dekorativen
Kunst. Gerade unter den deutschen Künstlern des
ausgehenden 1,9. Jahrhunderts zeigten und zeigen
sich immer wieder Ansätze nach einer solchen Kunst-
gattung. Mancher glaubt die Erfüllung schon zu
sehen in Männern wie Klinger oder hodler, obwohl
gerade bei einem zeitlichen Abstand die Bedenken
gegen ihren Stil stärker geworden sind denn je.
Ohne Zweifel machen sich auch manche wilde
Schößlinge breit, und selbst mehr wie einer, dem
die ganze Bewegung mehr wie eine Spielerei oder
eine Mode war, scheiterte an einer Klippe — an

dem rein handwerklichen, das noch viel mehr als
beim kleinen Staffeleibild eine reiche Erfahrung
verlangt, für die häufig nicht einmal die kleine
Spanne eines einzelnen Lebens genügt, sondern
zu der die alte traditionsverbundene Schulung
treten muß, besonders in dem harten, wetter-
wendischen Klima der rauheren Nordländer.
Deshalb ist es besonders interessant, für diesen
Zweck die Arbeiten eines Mannes zu verfolgen,
der sich selbst den weg vom Technischen ins Künst-
lerische, vom Anschluß an die alte Schule in die
freiere Richtung bahnen mußte. Ohne höhere An-
sprüche hatte sich August Brandes in ganz jungen
Zähren in seiner hannoverschen Heimat in die Lehre
eines Dekorationsmalers begeben, wo er alle tech-
nischen und manuellen Handgriffe von der Pike
aus lernen mußte und dadurch von vornherein im
handwerklichen unabhängig von dem Können oder
Nichtkönnen untergeordneter Organe blieb. Die
Kunstgewerbeschule in Hannover und die Akademie
in München (seit H892) konnten ihm in ihrer ganzen
damaligen Zusammensetzung wenig sagen. Nach-
dem er gewisse, mehr äußerliche Fertigkeiten in
sich ausgenommen hatte, zog er es vor, als Auto-
didakt in die Schule der großen dekorativen Maler
zu gehen, wie sie unsere süddeutschen Kirchen und
Paläste in so überreichem Maße beherbergen. Frei-
lich waren damit alle die vielen auftauchenden
Fragen noch nicht geklärt, und ein anderer Zug
seines Wesens führte Brandes dazu, in einer Fach-
schule für Dekorationsmaler lehrend und experi-
mentierend für sich und die ganze Richtung zu
arbeiten. Dadurch stellte er sich einmal auf eigene
Füße, anderseits wurde er selbst innerlich ge-
zwungen, sich nicht in die rein historischen, imita-
tiven Studien zu versenken, sondern den Forde-
rungen seiner Zeit zu entsprechen. Line große
Anzahl von Entwürfen für Fachzeitschriften be-
weisen, wie befruchtend diese Lehrtätigkeit für sein
eigenes Schaffen war.

Die eigentliche hohe Schule eröffnete sich dem reifen
Dreißiger erst, als Friedrich v. Thiersch, schon auf
seine Fähigkeiten aufmerksam gemacht, ihn zu einer
mehr gelegentlichen Arbeit anläßlich des Augs-
burger Architektentages \<)02 für die Aufnahmen
der dortigen Fassadenmalerei gewann. Eine Zahre
hindurch währende Tätigkeit des Kopierens und
Rekonstruierens entwickelte sich daraus, und mit
einem wahren Feuereifer stürzte er sich in die ver-

Kunst und Handwerk. 6Y. Iahrg. 2. vierteljabrsheft.

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