Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 69.1918-1919

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und in der richtigen Jusammenstinlmung der Farben wunder-
bare Erfolge erzielen. Das Gedeihen des Menschen, seine
Gemütszustände und damit auch sein körperliches Behagen und
sein Arbeitsvermögen sind in viel sicherem Maße, als die meisten
ahnen, von den Farben abhängig, die ihn umgeben. Diese
Kunst zu pflegen war vielleicht niemals nötiger als heute, wo
ein besonderer Kulturgang farbenzerstörend auf Millionen
wirkte und ihnen damit seelische und leibliche Wunden schlug.
Kören wir zunächst noch die umfassende Antwort über die
Grundfrage: Was ist Licht, was ist Farbe? so sagt uns die
werdende Farblichtwissenschaft im Gegensatz zu der bisherigen
Strahlen- und Atheroptik folgendes:

„Licht ist eine Naturkraft wie jede andere auch, wie
Wärme, wie Elektrizität, wie Bewegung, wie fließendes Wasser.
Es bringt zahllose Wirkungen hervor, vermag Maschinen zu
treiben, ruft chemische Prozesse hervor, erzeugt wärme, Elek-
trizität, Schall usw. Beispiele solcher Lichtwirkungen, wo das
Licht als Naturkraft sichtliche Arbeit leistet, so wie jede an-
dere Naturkraft, sind z. B. die Lichtmühle, das Luftthermo-
meter, der Lichtakkumulator u. a. Zeugen der Arbeit des
Lichtes sind in der Natur die Pflanzen, die Minerale, die
Tiere usw. Das Licht übt auch auf den Menschen sowohl rein
physische wie sittliche und geistige Wirkungen aus (Lichtphysio-
logie, Lichthygiene und Lichtheilkunde, Lichtbäder usw.). Kurz,
hier wäre an vielen Beispielen anschaulich zu zeigen, was das
Licht als Naturkraft tagtäglich sichtbar leistet, wie Menschen,
Tiere, Pflanzen der täglichen Arbeit des Lichtes bedürfen,
wie sie anderseits leiden würden ohne Licht, wie deshalb die
menschliche Wohnung mit Licht versehen werden muß, damit
das Licht seine segensvollen Wirkungen ausüben kann. Pier
liegt die naturwissenschaftliche Grundlage für die Aufgaben
des Dekorationsmalers als Licht- und Farbenfach-
mannes.

ferner: Was ist Farbe?

Das Wort Farbe wird in vierfachem Sinne gebraucht. Einmal
bedeutet es so viel wie Farbstoff, d. h. Stoff der bei Belich-
tung oder Beschattung das farbige Licht oder den Farbschatten
erzeugt (Farbenindustrie — Farbstoffindustrie). Sodann be-
deutet es so viel wie Farblicht bzw. Farbschatten, d. h.
eine physikalische Naturkraft, wie sie das Licht bzw. die Fin-
sternis auch ist; solches Farblicht hat ebenfalls zahlreich greif-
bar nachweisbare Wirkungen; es ist ein gemäßigtes, dem Be-
dürsiüfse des Auges angepaßtes Licht, das zwischen blendender
pelle und tiefer Finsternis liegt; wie alles Lebende auf der
Welt tritt es nach zwei Seiten hin auf, als Warmlicht und
Kaltlicht und muß auch technisch.nach polaren Bedürfnissen
und Anforderungen gebraucht werden. So wirken z. B. die
„Farben einer Landschaft" verschieden auf photographischen
Platten.

Drittens bedeutet das Wort „Farbe" eine organische Energie,
sowie die physikalische Farbkraft in einem lebendigen Emp-
fangssinne wirksam wird. I. B. wir sprechen von einem rei-
zenden Grün. Pier bedeutet also „Grün" eine Sinnesenergie
der mit Grünlicht gereizten bzw. beruhigten Netzhaut.

Und schließlich geht diese Sinnesenergie, da der Mensch noch
immer aus Leib und Geist besteht und das Wot geistlos unter
Menschen als Beleidigung gilt, über in einen Gehirn- und
Seelenvorgang. Gelb ist eine heitere Farbe. Blau ist eine
schwermütige Farbe, d. h. Gelblicht (physikalisch) hat die Netz-
haut (physiologisch) gereizt, und der Reiz wird (geistig-sittlich)
vom Gemüt gefühlt. Für alle diese verschiedenen Vorgänge ge-
brauchen wir das Wort Farbe, daher denn auch die noch vielfach
vorhandene Unklarheit und Begriffsverwirrung rühren mag."

Nachdem somit erwiesen ist, daß Farblicht zahlreiche greifbare
physikalische Wirkungen sowie alle anderen Naturkräste aus-
übt, soll in folgendem eingegangen sein auf die Wirkungen
der Farben auf Auge, Geist und Gemüt des Menschen. So
äußert sich unser großer Farbenforscher Goethe über „Sinn-
lich-sittliche Wirkung der Farbe" in der 6. Abteilung seines
Werkes über die Farbenlehre, §758—803, wobei er auch von
den Wirkungen der warmen und kalten Farben auf Auge,
Geist und Gemüt des Menschen spricht, in folgender Weise:
„Die Freude an Farben, einzeln oder in Zusammenstimmung,
empfindet das Auge als Organ der Licht- und Farbenkräfte
und teilt dieses Behagen dem Gemüte des Menschen mit. Alle
Farbengefühle zerfallen in zwei Pauptgruppen, in positive
und negative, in freudige und düstere. Diese zwei Gegen-
sätze sind das Fundament der Farbenlehre und der gesamten
zwiegespaltenen, sichtbaren Welt..

Die Farben wirken auf das Auge, und durch dessen Vermitt-
lung auf das Gemüt, entschieden und bedeutend. Jede ein-
zelne Farbe hat eine spezifische Wirkung auf das Gemüt,
Farbenzusammenstellungen wirken teils harmonisch, teils
charakteristisch, teils unharmonisch.

Da die Farben sittliche Wirkungen Hervorbringen, können sie
als Elemente der Kunst betrachtet, zu den höchsten ästhetischen
Zwecken mitwirkend genutzt werden.

Die Menschen empfinden im allgemeinen eine große Freude
an der Farbe. Das Auge bedarf ihrer, wie es des Lichtes be-
darf. Man erinnere sich der Erquickung, wenn an einem trüben
Tage die Sonne auf einen einzelnen Teil der Gegend scheint
und die Farben daselbst sichtbar macht. Daß man den farbigen
Edelsteinen Peilkräfte zuschrieb, mag aus dem tiefen Gefühl
dieses unaussprechlichen Behagens entstanden sein.

Ebenso wie die einzelnen Farben eindeutige spezifische
Wirkungen auf das lebendige Sehorgan ausüben, die in ihrem
entschiedenen Gegensatz nicht miteinander verwechselt werden
können, so wirken sie auch eindeutig aufs Gemüt. Die Er-
fahrung lehrt uns, daß die einzelnen Farben beson-
dere Gemütsstimmungen geben. Von einem geistreichen
Franzosen wird erzählt: Er behauptete, däß sein Gesprächston
mit der Dame verändert wurde, seit sie ihre Zimmereinrich-
tung, die zuerst blau gewesen war, in Karmoisin verändert
hatte. Diese einzelnen bedeutenden Wirkungen vollkommen
zu empfinden, muß man das Auge ganz mit einer Farbe
umgeben, z. B. in einem einfarbigen Zimmer sich befinden,
durch ein farbiges Glas sehen. Man identifiziert sich alsdann
mit der Farbe; sie stimmt Auge und Geist mit sich unisono."
Aus diesen probeweisen Auszügen von Goethes Farbenlehre,
welche von Porn-Martin in Auswahl für die Maler bearbeitet
wurde, ist genügend ersichtlich, welche Wirkungen die Farben
ausüben. Daraus ist aber zu schließen, daß Farben bei Be-
handlung von Krankheiten, somit in der Peilkunst, eine bedeu-
tende Rolle zu spielen vermögen, die heute noch viel zu wenig
gewürdigt wird.

Als gegenwärtige Forderung muß deshalb aufgestellt werden,
die wissenschaftliche Erforschung der Farbentherapie viel um-
fassender in Angriff zu nehmen als bisher; die vorhandenen
Arbeiten müßten in ein wissenschaftliches System gebracht
werden und das Ergebnis für das Volkswohl dienstbar gemacht
werden. Noch nie war vielleicht das Bedürfnis hierfür mehr am
Platze wie zur gegenwärtigen Zeit, wo die Nerven der Men-
schen allmählich zu gehorchen versagen.

Bisherig angestellte farbentherapeutische Versuche zeitigten
überraschende peilerfolge. Zn der Münchener Medizinischen
Wochenschrift vom (5. März lg(3 bestätigte San.-Rat Or. (D.

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