Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 69.1918-1919

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wort kann nur lauten: wir forderten von der
Schule zu viel. wir erwarteten, daß sie den
Kunsthandwerker künstlerisch und praktisch bis zur
Meisterschaft erziehe; wir hofften, daß durch die
» Schule der frühere Zustand, daß in jedem, auch
dem kleinsten Grte ein tüchtiger Handwerker mit
selbständigem Geschmacke und hervorragender Ge-
schicklichkeit säße, wieder hergestellt werden sollte.
Die Schule konnte aber diese Forderung nicht er-
füllen, weil ihr zwei Lsaupteigenschaften, die nur
der Werkstätte zu eigen sind, fehlen:

Die scharfe Auslese und die Zweckarbeit,
was zunächst die Auslese betrifft, so wurde
diese ganz von selbst gefördert durch eine gute
Lehrwerkstätte, ganz auf der Handhabung des
Werkzeuges aufgebaut, durch Leisten untergeord-
neter Arbeiten, bis die steigende Geschicklichkeit
der Hand das Material meistern kann, Kopieren
nach guten Vorbildern und Übertragen der Ar-
beiten des Meisters in einem endgültigen Material
und durch eine längere Gehilfenzeit, die dem Be-
gabten Gelegenheit gibt, Eigenes zu erfinden und
auszuführen bis zur Meisterschaft. Die Unbegabten
mußten bei den einfacheren Arbeiten und bei rein
technischer Tätigkeit bleiben. Dürers Ausspruch:
„Der junge Maler soll guter Werkleut Kunst nach-
machen bis seine Hand frei wird" hatte vor ihm
und nach ihm und hat heute noch Bestand; es ist
ein Grundsatz der Kunsterziehung und die hervor-
ragenden Künstler, auf deren Werke heute die
Nation stolz ist, gingen diesen weg. Die Schulen
sind nicht imstande, die Auslese in dieser weise
durchzuführen, denn ein unbegabter Schüler kann
semesterlange die Schule besuchen, sich von einem
Lehrer zum andern melden, bis er vollständig un-
begabt in einem anderen Berufe landet.

Das Problem der Auslese ist das wichtigste. Daß
wir nur begabte Menschen zur höheren
Entwicklung führen und die anderen in
einer weise beschäftigen, die ihren na-
türlichen Anlagen entspricht, sie vor Ent-
täuschungen bewahrt und zu brauchbaren glück-
lichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft machen,
wenn wir von den besten Ähren auf dem Korn-
felde zur Nachzucht den Samen nehmen, wird
diese Arbeit reichlich belohnt. Aber diese schönsten
Ähren bilden nicht die Mehrzahl; es muß ausge-
schieden werden und wenige werden bei dieser
strengen Auslese zum Samen genommen werden
können. Ideale Schwärmer haben irrtümliche
Vorstellungen über die Begabungen der großen
Masse des Volkes hervorgerufen, viele wurden
dadurch auf eine falsche Bahn gelenkt. Immer hat

sich gezeigt: das angeborene, zäh durchhal-
tende originelle Talent ist sehr selten!
Über die Erziehungsfragen wird viel geschrieben,
über die Auslese im Handwerk wenig; hier nützt
aber keine graue Theorie, sondern nur aus der
Werkstätte kann das krankende Handwerk und
Kunsthandwerk neu erstehen.

Schon von Anfang an konnte der Schulbetrieb
diesen Forderungen der Auslese nicht gerecht werden.
In manchen Schulen werden die Schüler sogar
im jugendlichsten Alter meist sofort in das schöpfe-
rische Arbeiten des gereiften Künstlers hineinge-
führt. Nun besteht aber die Hauptmasse z. B. der
Kunstgewerbeschüler aus mittelmäßig begab-
ten Kräften, die notwendig für ihre fernere
Entwicklung eines planmäßigen Aufstieges und
einer festen Stütze bedürfen. Der Hochbegabte,
der bald eigene Wege gehen wird, braucht die
Schule wenig; erst instinktiv, dann bewußt wird
er der Träger neuer Anschauungen und den anderen
ein Vorbild. Glänzende Schulausstellungen, die
unwahre hochgeschraubte Leistungen von Schülern
zeigen, können den wissenden nicht täuschen, denn
verschwindend wenige von diesen Studierenden
kommen zur Entwicklung und schwer fällt es dem
praktischen Kunsthandwerke brauchbare Kräfte her-
auszuholen. Schließlich muß der Meister
doch wieder diejenigen Kräfte, die er not-
wendig braucht, selbst erziehen.

Das zweite Hauptmerkmal der Werkstätte, das
sie von der Schule unterscheidet, ist, daß hier alle
Gegenstände für den praktischen Gebrauch
unter bestimmten Voraussetzungen, Begrenzungen
und Zeitbestimmungen in einem bestimmten Mate-
rial hergestellt werden müssen. Dieses harte Muß,
daß brauchbare Arbeit geleistet werden soll, fehlt
allen Fach- und Kunstschulen. Gerade aus diesem
Zwang aber entsteht die so notwendige Gesin-
nung, ein Ding so gut, so richtig, so brauchbar
und schnell zu machen, als es der Besteller will.
Die innere Freude und Befriedigung an der Ar-
beit, der Stolz, an dieser oder jener Sache mit-
gearbeitet zu haben, der Ehrgeiz, weiter zu streben,
werden im höchsten Maße durch die Zweckarbeit
erreicht und jeder, der aus der Werkstätte er-
wachsen ist, wird diese reine Freude, die er dort
als junger Mensch erlebt hat, mit zu den schönsten
Erinnerungen seines Lebens zählen.

Der Zwang der Verhältnisse, die im modernen
Staat zur Gründung hauptsächlich der Fachschulen
und Fachfortbildungsschulen geführt haben, ist
begreiflich und doch muß der Satz ausgesprochen
werden: „Der handwerkliche Fachunterricht

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