Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 12.1831

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üttfit Kunst lehre , sondern Kunstgeschichte mein Zweck
war und jene nur gelegentlich.zur Erläuterung von die-
ser beigezogen wurde. Die griechische Kunst ich zu sehr
Natur und naturgemäß, als daß ich diese und zugleich
die -Quelle dieser Naturwahrheit verkennen konnte, näm-
lich die-Begeisterung für das Schöne und Vollendete der
menschlichen Gestalt', welche die Palastra und das heilige
Festspiel dem Auge uud der Erwägung des Künstlers
darbot. Ich habe deßbalb die Aufmerksamkeit auf jene
Räume gymnastischer Uebnngen und des festlichen Kampfes
geleitet unb geglaubt hier die Schule der griechischen Pla-
stik Nachweisen zu müssen. Denn woher, wenn nicht aus
dem durch sorgfältige Pflege entwickelten und vere-
delten menschlichen Gewächs hätte die Einsicht in das der
Gestalt eines jeden Alters, und einer jeden Gemnthsart
Zuständige, in das Ebenmaaß und die Harmonie der
Glieder, in die ganze unermeßliche Fülle jener Schönheit
geschöpft werden können, die in ihrer Plastik sich je mehr
entfaltet, je tiefer man in sie eindringt? Ich bin noch
weiter gegangen und ausserdem , daß ich auf diese. Weise
das reale Princip der griechischen Kunst zu Grunde
gelegt und es in ihr waltend und bildend gezeigt, habe
ich sogar den Ausdruck der Ruhe und der sittlichen Fas-
sung, den ihre edelsten Gestalten zeigen, als der Natur
und den bessern sie unigebenden Gestalten entnommen
dargestellt. Sie führen dagegen unter anderem an, daß
schon damals, als dieser Ausdruck den Werken der Pla-
stik gegeben wurde, die Entartung der Menschen groß
gewesen uud sie nicht ihren Künstlern das Gepräge der
Scheue zeigen konnten, welche längst von ihnen entwi-
chen war. Alcibiades dient Ihnen zum Beweise, den
gerade die Künstler am meisten nachgeahmt und in dem
sie jenen Ausdruck nicht uackzuahmen gefunden hatten.
Alcibiades war der schönste und der liebenswürdigste sei-
ner .Zeitgenossen und allerdings voll großer.Leidenschaf-
ten; aber dock so, daß zulezt die Liebe zur Heimakh und
der ihm natürliche Edelmutb das Unrecht seiner Mitbür-
ger Überweg. Was berechtigt uns aber anzunehmen, daß
bei diesem Schwanken seiner Natur sich dje Züge- der
Entartung auf seinem Antlitz gezeigt? im Gegcntheil
scheint dieses davon'unberührt geblieben zu seyu, da er,
wie die Alten bemerkten, in allen Lebensaltern die einem
jedem zukommcnde Art der Schönheit im höchsten Grade
gezeigt hat, und so bei den Andern Zeitgenossen in einer
Periode, wo die Scheu vor dem Oeffentlichen noch groß ge-
nug war, um, wenn die.-Tugend verloren worben, doch
den Schein derselben noch hervorznivenden. Es ist bekannt,
wie streng noch zu den Zeiten des Demosthenes auf diese
äussere Erscheinung eines sittlichen, sich bis auf Gang,
Steilung und Geberden erstreckenden Anstands gehalten
wurde. Dazu hat es zu keiner Zeit weder in Athen
noch in andern Staaten von Griechenland an Jünglin- i

gen und jungen Männern gefehlt, welche die edle Scheu
reiner Tugend in sich bewahrend dem Künstler auch in
dieser Hinsicht zum Vorbild dienen konnten, und noch
Demetrius PoliorceteS machte die Erfahrung, daß der
schönste athenische Jüngling- seiner Zeit augenblicklichen
und schrecklichen Tod in den kochenden Gewässern des
Bades der Entehrung vorzog, welche ihm die sträfliche
Leidenschaft des Königs ansann. Allerdings waren, wie
diese Gesinnungen, so die Gestalten vollendeter Schönheit
- auch in Athen je später je sparsamer gesäet und Cicero
bemerkt, daß zu seiner Zeit ein wirklich schöner Jüng-
ling in Athen eine Seltenheit se» und auch Raffael be-
klagt sich über die Seltenheit weiblicher Schönheit. Jn-
dcß reicht es hier wie dort hin daß sie gefunden wurden,
und dem Auge des wahren Künstlers blieben sie damals
so wenig als jetzo verborgen. Im Winter des Jahrs
i8Zr hatten die deutschen Künstler in Rom in der Werk-
statt eines Schuhmachers einen dem Jüngling nahen Kna-
ben ausgefunden, der ihren -gemeinsamen Studien zum
-Modell diente und in allen Theilen eine Schönheit zeigte,
welche allen Anforderungen der Kunst zu genügen und
an die edelsten Jugendgebilde der Alten zu erinnern im
Stande war. Eben so ist .bekannt, wie Thorwaldsen
durch die Schönheit eines Hirtenknaben aus der Cam-
pagna, der ihm beim Ganymedes zum Modell diente,
darauf geleitet ward , jene .bewunderungswürdige Bild-
säule nach ihm zu bilden, die er schon achtmal in Mar-
mor zu wiederbolen Veranlassung gehabt hat. Eines Ta-
ges ging ich in Rom mit zwei jungen Künstlern, einem
Maier und Bildhauer vom Vatican die lange Via Julia
nach der Farnesina hinauf. Plötzlich hielt der Maler an.
Ein junger Mensch von ungewöhnlicher Schönheit aus
gemeinem Stande, hatte seine Aufmerksamkeit und sein
Erstaunen erregt. Er war sogleich mit ihm im Gespräch,
uud wir theilten bald die Bewünd»rung des Malers.
Er war der Lehrling eines Bäckers. Wir folgten ihm
zu seinem Hause in der Nabe, und die Künstler waren
bald mit seinem Meister und seinen Angehörigen über
Art'und die Bedingung einig, unter der sie ihn für ihre
Arbeit brauchen wollten. Keine einzige Jugcndgestalt
von allen, die ich in Rom gesehen, schien mir den
Charakter der männlichen Jugend, besonders den Engel
und den'seelenvöllen Ausdruck ihrer Unschuld und Sitte in
den raffaelischen Gemälden so treu und so rein wiederzu-
geben, als dieser Knabe, welcher ohne das anfmerksame
Auge jenes Malers für die Kunst verloren geblieben,
aber zu den Zeiten Raffaels lebend und von ihm gekannt,
die Zahl schöner Gestalten Vermehrt hätte, nach denen
er seine Studien'lind seine Werke ausgesührt hat.

(Der Beschluß folgt.)
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